Geheimnisvolle Orte (7): Als der Spaghetti-Knoten autofrei war

Geheimnisvolle Orte (7): Als der Spaghetti-Knoten autofrei war

Das Autobahnkreuz Duisburg-Kaiserberg ist eines der größten Verkehrsknotenpunkte in Deutschland. 1973 gehen die Menschen auf dem Kreuz spazieren. Die Scheichs im fernen Arabien haben den Ölhahn zugedreht.

Georg Leber ist ein Mann mit Visionen. Der gelernte Maurer neigt zwar zu gelegentlichem Überschwang, in der Sache aber behält er stets recht. Seine Vorstellungen vom Verkehr der Zukunft entsprechen dem Zeitgeist, und der lautet: keine Garage ohne Autobahnanschluss. Am 26. Juni 1969 richtet sich der knorrige Bundesverkehrsminister (SPD) in Duisburg mit einem Flugblatt an die Bevölkerung. Er verspricht den "Start in den Straßenverkehr der Zukunft". Damit gibt er das Autobahnkreuz Duisburg-Kaiserberg nach mehrjähriger Bauzeit für die ersten Autos frei. Norbert Tschinke, der die Idee für diese einmalige Konstruktion gehabt hat, scherzt, das Kreuz sei ein Maßanzug für Übergewichtige, weil es im Ruhrgebiet eigentlich keinen Platz für Bauwerke dieser Größe gebe.

In der alten Gaststätte am Tierpark wird mit Bier aus der örtlichen Brauerei auf das neue Verkehrszeitalter angestoßen. Zu Essen gibt es demonstrativ Spaghetti. Das Bauwerk mit seinen 18 unterschiedlich langen Brücken und Stützweiten sieht von oben aus wie ein Haufen langer Nudeln, die am Ende zusammengeknotet sind. Niemand am Tisch ahnt, dass sie schon bald zu Fuß über das Autobahnkreuz spazieren werden können.

Die Druckerschwärze auf den Flugblättern ist noch frisch, da wird der Aufbruch ins Mobilitätszeitalter schon ausgebremst. Die Scheichs drehen 1973 den Ölhahn zu. Eine Kraftprobe. Die erdölexportierenden Länder, kurz OPEC, verknappen absichtlich die Ölförderung. Ab dem 5. November verringern die Araber die Ölmenge um 25 Prozent. Jeden Tag wird die Schraube fester gedreht. Das Öl wird teurer — und knapper.

Der Bundestag reagiert und verabschiedet am 9. November 1973 in Bonn das Energiesicherungsgesetz. Bundeswirtschaftsminister Hans Friderichs (FDP) ruft ein Fahrverbot für vier Sonntage im November und Dezember 1973 aus. Auf den Autobahnen darf man werktags nicht schneller als 100 Kilometer in der Stunde fahren, auf Landstraßen gilt Tempo-80. Die Autofahrer werden dazu aufgerufen, spritsparend zu fahren, wenn möglich ganz auf den Wagen zu verzichten, stattdessen aufs Fahrrad zu steigen. Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) spricht von der "schwersten Belastungsprobe seit dem Zweiten Weltkrieg". Brandt geht voran. Er lässt seinen Dienstwagen in der Garage. Am 25. November, ein eiskalter Herbstsonntag, sind in Westdeutschland die Straßen zum ersten Mal wie leer gefegt. Die Menschen gehen auf dem Kreuz Kaiserberg spazieren, flanieren auf den ansonsten stark befahrenen Straßen. Proteste bleiben die Ausnahme. Die Deutschen reagieren erstaunlich gelassen, obwohl man ihnen ihr Lieblingsspielzeug für einen Tag wegnimmt. NRW-Innenminister Willy Weyer ist zufrieden, am Tag darauf sagt er: "Wir haben am Sonntag einen Rückgang von 74 Prozent Verkehr gehabt, aber wir haben noch zwei Tote gezählt, allerdings keine Autofahrer, sondern Fußgänger, die angefahren worden sind." Der "Spiegel" titelt am 26. November 1973: "Folge der Ölkrise — Ende der Überflussgesellschaft".

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Ursache für die Ölkrise sind die seit Jahrzehnten bestehenden Konflikte zwischen Israel und Teilen der arabischen Welt, die mit dem Jom-Kippur-Krieg einen neuen Höhepunkt erreicht haben. Am 6. Oktober 1973 haben ägyptische und syrische Truppen Israel überfallen — am Tag des heiligen Versöhungfestes der Juden. Die kriegerischen Auseinandersetzungen enden am 26. Oktober mit dem Sieg Israels, das weiter den Gazastreifen, die Halbinsel Sinai bis zum Suezkanal, die Golanhöhen, die teils auf syrischem Staatsgebiet liegen, und die Altstadt von Jerusalem besetzt hält. Die arabischen Staaten wollen das nicht akzeptieren — und erpressen den Westen. Durch die Ölkrise droht in Deutschland der völlige Stillstand. Es kommt zu Hamsterkäufen. An den Tankstellen stehen die Autos in langen Schlangen Stoßstange an Stoßstange. Es wird gehupt, gedrängelt und gepöbelt. Vereinzelt meldet die Polizei in Duisburg Schlägereien zwischen Autofahrern, die sich um den letzten Tropfen Benzin aus dem Zapfhahn prügeln. Der Benzinklau greift um. Nachts bewachen Autofahrer aus Angst vor Dieben ihre Wagen. In Krankenhäusern häufen sich die Fälle von Menschen, die sie beim Benzinabpumpen vergiftet haben. Der abschließbare Tankdeckel wird ab nun serienmäßig in Neuwagen eingebaut.

Erst als sich sich die politische Lage im Nahen Osten etwas entspannt, lockern die Scheichs das Embargo wieder. Die Regierung läutet als Folge der Ölkrise das Zeitalter der Kernenergie ein — trotz heftiger Proteste in der Bevölkerung. Nie wieder, so heißt es im Bonner Kanzleramt, wolle man von den Scheichs erpresst werden können. Historiker und Autor Sebastian Haffner schreibt in einer Kolumne "vom Ende der Bundesrepublik, wie wir sie kennen". Die Autos rollen wieder über das Kreuz Kaiserberg.

In der nächsten Folge geht es morgen um den Besuch von Kaiser Wilhelm II. 1902 in Elberfeld.

(RP)
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