Aachen: Aachen – die Stadt der Quellen und Brunnen

Aachen: Aachen – die Stadt der Quellen und Brunnen

Deutschlands westlichste Großstadt trägt eigentlich ein "Bad" im Namen. Schon Karl der Große badete in den heißen Quellen.

Wer in Aachen auf den Bus wartet, der meint manchmal, der Teufel persönlich stünde neben einem. Denn ein Hauch von Schwefel liegt am Busbahnhof immer in der Luft. Der Wind weht das diabolische Aroma vom Elisenbrunnen herüber. Bei dem Gebäude passen Geruch und Optik nicht zueinander: In der Rotunde riecht es nach faulen Eiern, das Gebäude hat Karl Friedrich Schinkel entworfen, der Baumeister des klassizistischen Preußen – mehr Eleganz geht nicht.

Der Prachtbau erinnert daran, dass die Stadt auf eine lange Geschichte als Bad Aachen zurückblickt. Preußens König Friedrich-Wilhelm III. will es zum ersten Thermalbad seines Reiches machen. Anlässlich seines silbernen Thronjubiläums wird 1822 der Grundstein für den Elisenbrunnen gelegt. Ab 1827 fließt dort das 52 Grad warme Wasser aus der Kaiserquelle. Im Untergeschoss geben Frauen das Wasser für Trink-Kuren aus. Heute sprudelt das Wasser aus zwei goldenen Löwenköpfen in schwarze Marmorbecken. Besucher sollten sich nicht vom Gestank – es schmeckt nicht so schlimm, wie es riecht – und vom Hinweis "kein Trinkwasser" irritieren lassen. Der enthaltene Schwefelwasserstoff, verantwortlich für den Geruch, verfliegt an der Luft schnell, und den Trinkwasser-Hinweis verdankt die Stadt den Bürokraten aus Brüssel. Denn das Wasser ist laut EU-Richtlinien ein Medikament, ein Heilwasser eben – aber man darf es bedenkenlos trinken.

Aachen liegt nicht an einem großen Fluss und hat trotzdem auf Wasser gebaut. Viele Bäche haben früher die Stadt durchflossen, und aus zwei Kalksteinzügen in Burtscheid und der heutigen Innenstadt treten mehr als 25 Thermalquellen aus bis zu 3000 Metern Tiefe zutage. Die Quelle im Stadtteil Burtscheid ist mit 73 Grad eine der heißesten Mitteleuropas. Weil Kurgäste auch unterhalten werden wollen, entstehen im Laufe der Jahre Stadttheater, Kurhäuser für Konzerte und Bälle, Casinos und Hotels – zuletzt das Kurhotel "Quellenhof" Anfang des 20. Jahrhunderts mit eigenem Thermalbad. Die Kur ist ein gesellschaftliches Ereignis. Karl Ludwig Freiherr von Pöllnitz schreibt 1737: "Unter allen Orten in Europa, die wegen Zusammenkunfft vieler Fremden berühmt sind, ist leichtlich keiner zu finden, wo man eine grössere Veränderung im Zeit-Vertreib als zu Achen antrifft."

Viele Reiche, Adlige und Prominente ihrer Zeit versprechen sich von Aachens Quellen Heilung oder zumindest Linderung. Aus ganz Europa kommen selbst gekrönte Häupter – Aachen wird "Bad der Könige" genannt. Kaiser Heinrich IV. kurt zum Beispiel im Jahr 1064, der italienische Schriftsteller Petrarca weilt 1333 in Aachen. Auch Albrecht Dürer hofft Mitte des 16. Jahrhunderts auf Linderung. Anna Maria Luisa von Medici (1698), Georg Friedrich Händel (1737) und Friedrich der Große (1742) tragen sich in die Gästelisten ein, ebenso wie Zar Peter der Große (1717).

Schon 1546 veröffentlicht der Arzt Franciscus Fabricius Ruremundanus eine ausführliche Würdigung der Heilquellen in Aachen und Burtscheid. In Aachen wird sogar etwa 100 Jahre später eine eigene Therapieform erfunden: Franciscus Blondel entwickelt die Thermalwasserdusche, bei der ein Strahl auf bestimmte Körperregionen gerichtet wird – es ist der Vorläufer der Unterwassermassage. Die spezielle Zusammensetzung der Quellen hilft unter anderem gegen Rheuma, Arthrose und Gicht, Hautkrankheiten, Melancholie, Sterilität und Frauenleiden. So besucht Kaiserin Josephine, die Ehefrau Napoleons, 1804 die Stadt. Der kleine Franzose liebt Josephine zwar leidenschaftlich – leider ohne Folgen. Die Kur kann daran allerdings auch nichts ändern. Napoleon lässt sich 1810 von Josephine wegen Kinderlosigkeit scheiden.

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Bereits um das Jahr 100 vor Christus gibt es erste Hinweise auf die heißen Quellen. Das kelto-germanische Mischvolk der Eburonen, die Atuatukaer, siedeln sich an. Ihr Name bedeutet so viel wie "die ans Wasser gezogen sind". Sie werden durch die Römer vertrieben, im Jahr 39 nach Christus schlagen diese in Aachen ihr Winterlager auf. Sie wissen ein gutes Bad zu schätzen. Die Legionen errichten große Becken und Badehäuser. Auf den Resten einer Therme, die durch die Münsterquelle gespeist wird, bauen die Aachener später die Anna-Kapelle des Doms. Karl der Große wählt Ende des achten Jahrhunderts Aachen als Standort seiner Zentralpfalz – sicher nicht nur wegen der beliebten Quellen, sondern auch wegen der geostrategischen Lage für sein Reich. Wie der Chronist Einhard berichtet, habe Karl der Große gerne gebadet. Er war ein guter Schwimmer, soll aber unter Rheuma gelitten haben.

Die meisten Bäche sind heute unter Beton und Bürgersteigen verschwunden, ebenso wie die Quellen. Wasser sprudelt aber heute immer noch in der City – und zwar aus Brunnen. Die "Öcher" lieben das Wasser, und so finden sich rund um Dom und Rathaus zig Brunnen – künstlerisch gestaltet, von großzügigen Stiftern gespendet und häufig mit Bezug zur Stadtgeschichte. Am Hühnermarkt steht der Hühnerdieb-Brunnen, zu dessen Füßen Küken sitzen, die eher wie Schildkröten aussehen. Das "Fischpüddelchen" am Dom ähnelt "Manneken Pis" aus Brüssel, nur läuft das Wasser aus den Fischköpfen heraus. Der Puppenbrunnen mit seinen beweglichen Figuren erinnert an die Stadtgeschichte: Masken stehen für den Karneval, Modepüppchen für Tuchhersteller, der gallische Hahn für Karl den Großen, aus dessen Riesenreich Deutschland und Frankreich hervorgegangen sind.

Der älteste Brunnen der Stadt ist der Kaiserbrunnen auf dem Marktplatz. Seit 1620 ziert ihn eine Figur, die natürlich Karl den Großen darstellt, nahezu in Originalgröße. Er war etwa 1,90 Meter lang, die Brunnenfigur misst 2,11 Meter – mit Krone. Karl steht in einer sechs Tonnen schweren Bronzeschale, die Aachener nennen sie "Eäzekomp", die Erbsenschüssel. Sie ist so groß, man könnte bequem darin baden.

Samstag beschreibt die nächste Folge Churchills Besuch in Wesel.

(RP)
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