"Wetten, dass..?" – der Lanz kann's

"Wetten, dass..?" – der Lanz kann's

TV-ANALYSE 13,62 Millionen Zuschauer für die Premiere von Markus Lanz bei "Wetten, dass..?", nur 4,57 Millionen Zuschauer für Thomas Gottschalk bei der dritten Folge des RTL-Supertalents. Die Abstimmung mit der Fernbedienung machte deutlich: Lanz kann's – aber das ZDF nicht.

Düsseldorf/Mainz Das unerwartet deutliche Quoten-Ergebnis mit einem Marktanteil von mehr 43 Prozent dürfte beim ZDF in Mainz für Aufatmen sorgen: Intendant Thomas Bellut muss nicht zurücktreten, Markus Lanz nicht das Land verlassen, und "Wetten, dass..?" ist mit der 200. Sendung noch nicht am Ende. Die weitaus größere Überraschung aber lautet: Markus Lanz als Moderator war Klassen besser als die Sendung, die trotz zehnmonatiger Sanierungspause noch immer nicht auf Kurs ist. Die Analyse im Detail:

Markus Lanz ...

... war glänzend vorbereitet und hat sich sehr bemüht. Das sagt man normalerweise, wenn einer etwas nicht kann. Bei Lanz war es eher so, dass man ihm vor lauter Nervosität sein Bemühen ständig anmerkte – selbst, wenn es richtig gut lief. Und es lief am besten, wenn er sich nicht auf die vorgefertigten, dünnen Gags seiner Redaktion ("In Düsseldorf ist die Pelzdichte höher als in Grönland" – oh je) verließ, sondern spontan reagierte. Lanz war frech zu Ministerpräsidentin Hannelore Kraft ("Sie sollen hier nicht lügen") und zu Jennifer Lopez ("Bezahlen Sie Ihren Freud eigentlich dafür, dass er mit Ihnen tanzt?"), blieb aber sehr charmant dabei. Er setzte gute eigene Pointen, die aber zu leise waren für eine so laute Sendung. Zwar nahm er seine berüchtigten Moderations-Karten nur selten in die Hand, aber er arbeitete die Fragen an seine Gäste streng ab. Das wird in den nächsten Sendungen besser werden. Nur: Vor allem muss die Redaktion bessere Gäste laden.

Die Gäste ...

... waren schwierig und passten nicht zusammen. Karl Lagerfeld war ungefähr so gesprächig wie Pan Tau, seine knarzigen Kommentare waren dagegen hübsch skurril. Rafael und Sylvie van der Vaart, Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und "Tote Hosen"-Sänger Campino machten alle keine schlechte Figur, verhielten sich aber streckenweise wie Dekorations-Gegenstände. "Tatort"-Kommissar Wotan Wilke Möhring taute immerhin auf und sprang Lanz bei, Opernsänger Rolando Villazón und "Comedian" Bülent Ceylan nervten. Die Enttäuschung des Abends war Jennifer Lopez. Jaylo sang ein schlechtes Playback, kam nach längeren Dekorationsarbeiten an sich selbst aufs Sofa und redete wirres Zeug. Cindy aus Marzahn als Side-Kick für Lanz in die Sendung einzubauen war überflüssig. Dass das ZDF Lanz eine solche Problem-Riege zur Premiere bescherte, war eine unnötige Belastung, das Gros der Wetten auch.

Die Wetten ...

... will Lanz deutlich ernster nehmen als sein Vorgänger Gottschalk. Das Problem: Das ZDF bewegt sich weiter auf Gottschalk-Niveau und zeigte bei der Auswahl, dass es seinen neuen Moderator offenbar nicht für voll nimmt. Mit Ausnahme der Kinderwette des zehnjährigen Julian aus Meerbusch, der das Berliner S-Bahnsystem auswendig gelernt hatte und die Stationen im Original-Ton einer automatischen Haltestellenansage leierte, waren die Wetten teils nicht einmal fernsehtauglich. Cihan Calis wurde mit seiner verlorenen Wette "Slackline" (Fallrückzieher auf einem Balance-Seil ins Tor) deshalb Wettkönig, weil die Kinder-Wette von Julian nicht mit in die Wertung kam.

Johann Redl, bereits fünfmal bei "Wetten, dass..?" zu Gast, versemmelte seine Außenwette mit dem Traktor bereits nach einer Minute. Glück für die Zuschauer. Die Wetten von Detlev Jarchow und Anika Hellemann ("Ohren morsen") und Monika Thaler ("Hundehaare") taugten nicht für die Show. Die Außenwette mit dem DeutschlandAchter im Düsseldorfer Innenhafen war aufwändig, aber schwach. Toll dagegen Comedian Michael Kessler ("Switch reloaded"), der in Bestform Günther Jauch parodierte. Die Stadtwette, bei der Nackte das Vereinsemblem von Fortuna Düsseldorf auf der Wiese vor dem Landtag nachstellten, funktionierte. Dass die Mannschaft hinzukam, war Glück. Auf den TV-Bildern sah die Stadtwette für Düsseldorfer Verhältnisse mäßig besucht aus. Angeblich kamen etliche Zuschauer nicht durch die Absperrungen.

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Die Show-Acts ...

... waren technisch eine Katastrophe, auch wenn die "Toten Hosen" natürlich im ISS Dom ein Heimspiel feierten. Cro, der deutsche Rapper mit der Pandamaske, hatte wenige Fans in der Halle, Jennifer Lopez lieferte eine nett anzusehende Bühnenshow. Das Playback war unterirdisch, wie überhaupt die ganze Sendung eine einzige Tonstörung war, gekrönt von einem lang anhaltenden Pfeifton bei der Stadtwette. Das war eher Mainzer Karneval als Europas größte Samstagabend-Show. Peinlich.

Die neuen Show-Elemente ...

... müssen alle in die Werkstatt zurück. Die ZDF-Leute sollten sich einfach noch einmal die Videos von Stefan Raab mit der fahrbaren Couch angucken oder das Ufo auf Rädern wieder einmotten. Für das Hallenpublikum funktionierte das Monstrum gar nicht. Die "Lanz-Challenge" ist nach den Maßstäben von Stefan Raab (und andere gibt es in Wahrheit nicht) ein Witz. Mit einem Kasten Bier auf dem Rücken ein paar Liegestütze machen ist Kneipensport. Entweder baut Lanz die Challenge kräftig aus (sollte er tun), oder aber er lässt das weg. So war es nichts Halbes und nichts Ganzes.

Der Gesamteindruck ...

... verlor durch die Länge der Sendung. Ab 22.30 Uhr verließen Zuschauer die Halle, die privaten Gespräche nahmen an Lautstärke zu. Die Show muss schneller werden, und sie darf deutlich kürzer sein. Ein schlechterer Moderator als Lanz wäre am Samstag gescheitert.

Weitere Fotos der Stadt- und Außenwette finden Sie auf TONIGHT.de!

(RP)