Berlin: Wenn Mütter ihr Baby nicht lieben

Berlin: Wenn Mütter ihr Baby nicht lieben

Postpartale Depression nennt man die Erkrankung, wenn Frauen nach einer Geburt ihr Kind als fremd empfinden. Katharina Wackernagel spielt in "Herbstkind" eine Mutter mit Wochenbett-Depression. Ein Gespräch mit der 34-Jährigen über Anforderungen, Kinder und den richtigen Partner.

Sie mag die schweren Rollen – die, bei denen es um etwas geht. Sie spielte eine RAF-Mitbegründerin, eine Einsatzleiterin bei der Polizei, eine aufständische Praktikantin. "Ich begeistere mich gerne für etwas, und ich rege mich gerne über etwas auf", sagt Katharina Wackernagel. "Ich mag Figuren, die für etwas kämpfen. Und ich mag Menschen, die aktiv sind, die etwas wollen und sich damit auseinandersetzen." Ihre erste Rolle war die "Tanja" mit 19 Jahren in der gleichnamigen ARD-Vorabendserie. Es folgten die Mutter eines Contergan-geschädigten Kindes und eine verzweifelte Mutter, deren Tochter getötet wurde. Auch in ihrem neuen Film ist es wieder eine Mutterrolle: Heute Abend spielt Katharina Wackernagel in "Herbstkind" (ARD, 20.15 Uhr) eine Frau mit einer Postpartalen Depression. Eine Mutter, die ihr Kind nicht liebt, nicht weil sie es nicht will, sondern weil sie es nicht kann.

Emilia ist Hebamme. Kinder auf die Welt zu holen, ist ihr Beruf. Als sie selbst schwanger ist, freut sie sich auf eine Hausgeburt, betreut von ihrer Kollegin. "Es ist ihr Meisterstück", sagt Wackernagel über ihr Rolle. "Sie hat einen hohen Anspruch an sich selbst." Doch leider läuft es nicht nach Wunsch. Emilia muss ins Krankenhaus. Als das Baby endlich gesund im Bettchen liegt, ist sie keineswegs glücklich. Verschreckt und irritiert betrachtet sie Mann (Felix Klare) und Kind. Sie weiß, sie sollte sich freuen, aber positive Gefühle wollen sich nicht einstellen. Das bessert sich auch nicht, als sie wieder zu Hause ist. Nach und nach stellt sich heraus, dass dies keine vorübergehende Erscheinung ist, sondern eine ernstzunehmende Wochenbett-Depression.

"Nach der Geburt wird von den Frauen erwartet, dass sie stolz auf ihr Kind sind, im Mutterglück schwelgen", sagt die 34-Jährige. Das sei noch immer ein tabuisiertes Thema, meint Wackernagel. Schätzungen aber sagen, dass zehn bis 20 Prozent aller Mütter nach der Entbindung eine Wochenbett-Depression entwickeln. Bei den Erstgebärenden sei es sogar jede Vierte.

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Wie sie so eine Rolle spielen könne, wo sie doch selber keine Kinder hat, keine eigenen Erfahrungen, auf die sie zurückgreifen kann? Unzählige Male sei ihr diese Frage von Kollegen gestellt worden. "Aber ich habe keine Berührungsangst", sagt Wackernagel. Die Wahlberlinerin, die nie eine Schauspielschule besucht hat, erarbeitet sich ihre Rollen, bringt etwas von sich selbst ein, auch ohne entsprechende eigene Erlebnisse. Sie hat sich zwei Dokumentarfilme angesehen, einer setzt sich mit dem Thema Hausgeburt auseinander. "Das war für mich wichtig, weil ich keine Kinder habe und auch noch nie eine Geburt gesehen hatte." In der anderen Doku ging es um das Thema Postpartale Depression. Vier Frauen wurden interviewt und über Monate begleitet. Das habe als Inspiration ausgereicht. Klar, sie hätte auch eine Betroffene sprechen können. Aber das wollte sie nicht. "Dann nimmt man der Figur die Freiheit." Deshalb habe sie nur ein paar Hebammen-Griffe gelernt. Ob sie nun eigenständig ein Kind auf die Welt holen könnte? Sie lacht laut. "Nein."

Doch die weitaus schwierigere Aufgabe hat sie gemeistert. Wieder mal spielt sie beklemmend gut und sehr intim. Sie verkörpert eine Frau, auf der der Druck eines ganzen Dorfes zu lasten scheint, die von ihrer eigenen Familie nicht mehr verstanden wird und die wahnsinnig lange braucht, um sich zu öffnen. Sie verkörpert die Angst vor dem Versagen, die Enttäuschung über sich selbst. "Auch als Mama kann man mutterseelenallein sein", sagt ihre Freundin in dem TV-Film. Wackernagel ergänzt: "Ich lebe in Berlin am Prenzlauer Berg, wo fast jeder einen Kinderwagen schiebt und ein weiteres Kind an der Hand hält – da kann eine Frau noch mehr das Gefühl haben, dass ihr alles über den Kopf wächst." Die 34-Jährige ist sich sicher: "Es ist nirgendwo leicht zu sagen, ich bin nicht glücklich."

Bei Katharina Wackernagel kann man sich nicht vorstellen, dass sie etwas überfordert. Sie dreht jedes Jahr mehrere Filme, fürs Fernsehen und fürs Kino. Aber auch sie kennt die Augenblicke, in denen die Puste ausgeht. Dann geht sie laufen – paradoxerweise. "Das hätte ich mir früher nicht vorstellen können, heute geht es nicht mehr ohne." Sie sei "ein einsamer Läufer". Privat wohnt sie seit neun Jahren mit ihrem Bruder Jonas Grosch in einer WG zusammen. "Wir sind ein produktives Haus." Ihr Bruder ist Regisseur, gemeinsam haben sie schon mehrere Filme gedreht. Auch was Heiteres. "Ich will die Rollen weiter auf mich zukommen lassen." Auch im Leben? "Kinder will ich generell nicht ausschließen, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist." Den richtigen Partner muss sie noch finden.

(RP)
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