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Buenos Aires/Solingen: Waffen aus Solingen für SA und SS

Buenos Aires/Solingen : Waffen aus Solingen für SA und SS

Der Fund von Nazi-Relikten in Argentinien gibt Rätsel auf. NS-Größen könnten sie auf der Flucht ins südamerikanische Exil mitgenommen haben. Historiker halten das für denkbar. Die Spur führt zu einer Solinger Firma.

Die Nachricht liest sich wie ein Hollywood-Drehbuch: Hinter der Bücherwand eines argentinischen Antiquitätenhändlers finden Interpol-Agenten einen Geheimraum. Darin versteckt liegen Artefakte mit Bezug zum Nationalsozialismus. Sie finden Apparate zum Messen von Kopfgrößen. Auch Hitler-Fotos, Dolche, Pistolen und mit Hakenkreuzen versehene Reichsadler. Die Sammlung umfasst insgesamt 75 Relikte mit Bezug zur NS-Zeit. Doch das hier ist nicht Hollywood, sondern ein echter Fund in Buenos Aires: Nie zuvor sind an diesem Ort derart viele Nazi-Devotionalien aufgetaucht.

Der Fund selbst ist ja schon bemerkenswert und wirft Fragen auf. Wem gehören die Sachen? Und wer hat sie dort hingebracht? Noch interessanter wird die Geschichte aber wegen eines kleinen Details, eingeprägt auf mehreren Waffen aus der Sammlung: Ein Fabrikationsstempel des Waffenherstellers "Carl Eickhorn" ist auf vielen der Objekte zu sehen - 1865 in Solingen gegründet.

Auf die Spur des Antiquitätenhändlers kam Interpol durch den Tipp eines argentinischen Polizisten, der Kontakt zu ihm aufgenommen und sich ebenfalls als Händler ausgegeben hatte. Bei einer anschließenden Durchsuchung machten die Ermittler dann den Fund. Der 55 Jahre alte Mann muss sich nun vor der Justiz verantworten, beteuert bislang aber seine Unschuld. Seiner Version nach hat er die Sammlung vor über 25 Jahren von einem Argentinier erworben. Offen ist, ob es sich um Originale handelt. Die erste Spur führt nach Solingen, die Firma Eickhorn existiert noch.

"Aus der Entfernung ist der Fund schwer zu beurteilen. Unsere Firma steht nicht mehr im Zusammenhang mit der von Carl Eickhorn gegründeten", sagt Ursula Schütte von "Eickhorn Solingen Limited" auf Anfrage unserer Redaktion. Das Firmenarchiv sei lückenhaft. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs gab es mehrere Insolvenzen und zweimal wechselte der Besitzer. Alte Unterlagen sind laut Schütte im Besitz der Familie Eickhorn. Denkbar ist es aber, dass die Stempel echt sind und die Waffen aus Solingen stammen.

Die Herstellung von Waffen hatte bei der alten Firma Eickhorn sowie anderen Unternehmen der Solinger Schneidwarenindustrie eine lange Tradition. Schon im Kaiserreich wurden beispielsweise Schmuckdegen für hochrangige Persönlichkeiten wie Paul von Hindenburg produziert. "Mit der Machtergreifung der Nazis kamen neue Aufträge hinzu", sagt der Solinger Stadtarchivar Ralf Rogge. Solinger Unternehmen produzierten Waffen unter anderem für die Sturmabteilung (SA) und die Schutzstaffel (SS). Spekulationen der argentinischen Zeitung "Clarin", die Relikte seien von NS-Verbrechern nach Argentinien gebracht worden, hält Holger Meding von der Universität zu Köln für denkbar. "Unter Präsident Juan Péron gab es eine eher deutsch-freundliche Regierung", sagt der Spezialist für Lateinamerikanische Geschichte. Nach dem Krieg war Südamerika ein beliebtes Ziel für Exil-Suchende. Und in die Gruppe von Emigranten mischten sich auch Kriegsverbrecher. Etwa Josef Mengele, Adolf Eichmann oder Klaus Barbie flüchteten, um der Strafverfolgung zu entgehen. "Rattenlinie" ist der für derartige Fluchtrouten heute gebräuchliche Begriff.

Meding schließt aber auch nicht aus, dass die Relikte schon früher, während der 30er Jahre, nach Argentinien gelangten - durch Auslandsreisen von Diplomaten, Konsuln und Reichsvertretern. "Reichsflaggen und Hakenkreuze in deutschen Schulen in Argentinien waren damals nicht unüblich." Meding aber irritiert, warum Interpol den Fund beschlagnahmt hat. "Der Besitz solcher Relikte aus der NS-Zeit ist in Argentinien nicht strafbar."

Die "Washington Post" berichtet zwar, einige Fundstücke stünden auf einer "roten Liste" gestohlener Kunstwerke der Unesco. Eine solche Liste existiert aber laut "Internationalem Museumsrat" gar nicht. Einige Fragen bleiben also offen. Die argentinische Regierung plant bereits, den Fund nach den Ermittlungen im Holocaust-Museum in Buenos Aires auszustellen.

(RP)