Solingen: Vom "kleinen Strolch" zur Lady

Solingen: Vom "kleinen Strolch" zur Lady

In der Slapstick-Filmreihe "Die kleinen Strolche" war Jean Darling der blonde Lockenschopf. Heute gehört die 90-Jährige, die auch am Broadway Karriere machte, zu den letzten Zeitzeugen der Stummfilm-Ära. Nicht nur davon weiß sie anekdotenreich zu berichten. Eine Begegnung in Solingen.

Diese Lady ist immer noch ein Star. Jean Darling mag 90 Jahre alt sein, aber ihr Lachen hat etwas spitz Kokettes, klingt beinahe wie ein Kinderlachen. Dabei war die ehemalige Schauspielerin in den meisten ihrer Rollen gar nicht zu hören: "Die kleinen Strolche" (im Original: "Our Gang") hieß die erfolgreiche Stummfilmreihe, in der die damals Vierjährige einen lockigen Blondschopf spielte. Mit den anderen Kindern ihrer "Bande" – zum Beispiel der farbigen Farina oder dem pummeligen Joe – sowie dem Hund Pete (mit schwarzem Ring ums Auge) erlebte sie in der Serie schrille Abenteuer. Insgesamt 46 Stumm- und sechs Tonfilme drehte Darling – es reichte aus, um ein künstlerisch ausgefülltes Leben auf Kurs zu bringen.

Zumindest das unterscheidet die US-Amerikanerin von vielen Kinderstars späterer Generationen, die am frühen Ruhm zugrunde gingen. "Ich bedauere, vermisse oder bereue nichts", sagt Darling, die am Wochenende als Ehrengast in Solingen das 25-jährige Bestehen des Laurel & Hardy-Clubs mitfeierte. "Meine Kindheit war nicht schlecht, nur anders als andere." Gleichwohl ist ihr Blick zurück nicht verklärend, sondern differenziert. Sie weiß, dass es die unerfüllten Ambitionen ihrer Mutter waren, die sie 1926 zum Film gebracht haben. "Damals hieß es: Mrs Darling zum Set, mit Jean. Die Eltern lebten den Traum ihrer Kindheit."

Daher waren die kleinen Strolche nur vor, nicht hinter der Kamera eine Bande. Es herrschte Konkurrenzdenken, angestachelt von den ehrgeizigen Eltern. Trotzdem blieb Raum für Star-Allüren. Wenn Jean Darling sich heute als "kleine Ratte" bezeichnet, hat das deutlich selbstironischen Charakter. Sie sei ein unglaublich verwöhntes Gör gewesen, ein Satansbraten. "Erst als mir ein Zeitungsjunge einen Blumenstrauß brachte, den er sich vom Munde abgespart hatte, ging mir auf, dass ich nicht das größte Ding war, das Gott erschaffen hat."

Darlings Geheimnis für ein zufriedenes Leben: Immer neugierig bleiben, immer neue Herausforderungen suchen. Obwohl sie als 14-Jährige und auch als Erwachsene zum Film hätte zurückkehren können, lehnte sie ab. Stattdessen sang sie erfolgreich am Broadway, begleitete ihren Mann, den Magier Reuben Bowen, durch die Welt, moderierte eine eigene TV-Show ("A Date with Jean Darling"), schrieb Hörspiele und später Kurzgeschichten. Angst zu scheitern hatte sie nie. "Es sind die Fehler, die dich weiterbringen", sagt sie.

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Jean Darling wirkt generell nicht wie eine ängstliche Person. Obwohl sie zerbrechlich aussieht, das Gesicht fast so puppenhaft wie als Kind, leuchtet aus ihren Augen innere Stärke. Und wenn Jean Darling im Gespräch singt – was sie häufiger tut – besitzt ihre leicht brüchige Stimme plötzlich ein klares, raumfüllendes Timbre. Eine Stimme, wie geschaffen für den Broadway und verschenkt im Stummfilm. Aber auch da weiß Darling einen zu belehren. "Als der Tonfilm aufkam, war unsere Natürlichkeit weg. Denn im Dialog sagt man etwas, ohne es zu denken. Die Stummfilmstars aber haben die Gedanken sichtbar gemacht."

Genau das sei auch der Grund, warum ein Stummfilm wie der Oscar-prämierte "The Artist" heute funktioniere. "Es ist zwar nicht gerade eine neue Idee", sagt Darling. "Aber der Stummfilm ist eben eine kraftvolle Kunstform für begabte Schauspieler." Einer dieser Hochbegabten war Stan Laurel, Partner von Oliver Hardy; beide machten als Chaos-Gespann "Dick & Doof" auch hierzulande Furore. Laurel versuchte in den 20ern erfolglos, mit Darlings geschiedener Mutter anzubändeln, und nahm die Tochter unter seine Fittiche. "Er war die Person, die ich am ehesten als Vater bezeichnet hätte", sagt Darling.

Heute bricht es der 90-Jährigen das Herz, wenn sie Filme sieht – weil in ihren Augen viele Schauspieler nur noch ihr hübsches Gesicht in die Kamera halten. Es gebe nur wenige, die wirkliches Talent besäßen. Sie selbst hat den Zirkus schon lange nicht mehr nötig. Jean Darling, die bei ihrem Sohn in Deutschland lebt, freut sich, wenn sie mal wieder von ihren Solinger Freunden, Vera und Wolfgang Günther vom Laurel & Hardy-Museum, eingeladen wird. "Sie mögen mich", sagt sie, lacht ihr kokettes Lachen und zwinkert verschwörerisch. "Es ist so nett, gemocht zu werden."

(RP)
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