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Prozess um Zugkatastrophe fortgesetzt: Unglück bei Eschede gefährdete zweiten ICE

Prozess um Zugkatastrophe fortgesetzt : Unglück bei Eschede gefährdete zweiten ICE

Celle (rpo). Das Unglück von Eschede hätte ein weitaus größeres Ausmaß annehmen können, als bisher bekannt war. Denn nur weil der entgegenkommende Zug Verspätung hatte, wurde er nicht in die Katastrophe verwickelt.

Beim Zugunglück von Eschede mit 101 Toten waren auch Reisende in einem entgegenkommenden Zug in Gefahr. Eine noch größere Katastrophe wurde möglicherweise verhindert, weil der Unglückszug von 1998 eine Minute Verspätung hatte, während der entgegenkommende Zug eine Minute vor dem Plan war. "Normalerweise hätten sie sich im Bereich der Brücke begegnen sollen," berichtete der Fahrdienstleiter des Bahnhofs Eschede am Mittwoch in Celle im Prozess um die größte Zugkatastrophe in der Geschichte der Bundesrepublik.

An der Brücke war der ICE "Wilhelm Conrad Röntgen" nach einem Radreifenbruch zerschellt. In dem Prozess müssen sich drei Ingenieure verantworten. Sie sollen das Radsystem bei seiner Einführung nicht hinreichend geprüft haben.

Bei der Verhandlung vor der 1. Strafkammer des Landgerichts Lüneburg in Celle sagte auch der ehemalige Ombudsmann der Deutschen Bahn AG, Otto Ernst Krasney, aus. Er verteidigte die Höhe der Schmerzensgelder an Hinterbliebene. Die Nebenkläger übten derweil massive Kritik am Verhalten der Bahn.

Krasney, der kurz nach Unglück als Ombudsmann für die Opfer eingesetzt worden war, sagte, ein Kompromiss zwischen dem Angebot der Bahn und den Forderungen von Opferanwalt Reiner Geulen über 500 000 Mark pro Todesopfer sei "außerhalb jeder Reichweite gewesen". Er habe sich gescheut, solche Summen bei den Verhandlungen ins Auge zu fassen: "Der Schmerz ist weder mit 30 000 Mark noch mit einer Million gelindert." Das parallele Zivilverfahren sei die einzige Lösung gewesen. Pro Todesopfer hatte die Bahn rund 15 000 Euro an Hinterbliebene gezahlt. Bis heute wurden insgesamt rund 23 Millionen Euro für Schmerzensgeld, Therapiekosten und Folgeschäden überwiesen. Die Schmerzensgelder machten davon 3,5 Millionen Euro aus. Die Beerdigungen der 101 Toten kosteten etwa 1,2 Millionen Euro.

Krasney räumte ein, dass die Sachbearbeiter der Bahn in der Anfangszeit der sensiblen Materie "nicht gewachsen gewesen" waren. So seien 15 Briefe an Hinterbliebene mit einem Portostempel der Bahn versehen worden, dessen Logo einen ICE-Triebkopf und das Motto "Die Bahn kommt" zeigte. In einem anderen Fall sei ein Mann versehentlich mit der Anrede "Familie" angeschrieben worden. Er hatte Frau und Kind beim Unglück verloren. In einem Fragebogen der Bahn mussten Hinterbliebene in einer Skala von 1 bis 10 den Grad ihrer Betroffenheit ankreuzen. In einem anderen Formular wurde gefragt: "In welchem Zug sind Sie gefahren?" In der Gesamtbetrachtung sei die Bahn bei den Leistungen aber weit über geltende Pflichten hinausgegangen.

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Heinrich Löwen, Sprecher der Hinterbliebenen, sagte dagegen: "Bei uns ist der fatale Eindruck entstanden, dass es hier um Schadensbegrenzung und Imagepflege ging." Die Bahn sei der Selbsthilfeorganisation der Eschede-Opfer keine Hilfe gewesen. Krasney habe sich gewiss bemüht, sagte Löwen: "Aber er hat den Job unterschätzt." Bei einer Umfrage unter 61 Eschede-Betroffenen hätten 26 gesagt, Krasney habe sich eindeutig als Mann der Bahn erwiesen. 36 sagten, der Ombudsmann werde von der Bahn bezahlt und berücksichtige vorrangig deren Interessen. 4 sprachen von einem neutralen Experten. Keiner stimmte bei der Umfrage mit mehreren möglichen Antworten der Aussage zu: "Er setzt sich gegenüber der Bahn energisch für die Belange der Betroffenen ein."

(RPO Archiv)