Duisburg: Trauerfeier für die Loveparade-Opfer

Duisburg : Trauerfeier für die Loveparade-Opfer

In einer bewegenden Trauerfeier haben das Land NRW und die Kirchen der Katastrophe in Duisburg vom 24. Juli 2010 gedacht. Für jeden der 21 Toten wurde eine Sonnenblume auf den Rasen gelegt. Eine Angehörige sagte, es sei nun Aufgabe der Richter, ihre verstorbenen Kinder zu beschützen.

Kurz vor 16 Uhr färbt sich der Himmel über der Duisburger Arena in ein helleres Grau. Rund 7000 Menschen sind zur Gedenkfeier für die Opfer der Loveparade gekommen. Notfallseelsorger legen auf den Rasen vor der Bühne eine Sonnenblume für jeden der 21 Toten, während deren Namen verlesen werden. Dann ist es für eine Minute so still, wie es in einem Stadion sein kann, auf dessen Tribünendächer der Dauerregen eines kalten Sommertages niedergeht. Auch als Bernd Graf von der Band "Unheilig" das Lied "Geboren, um zu leben" singt, bleibt es still. Die Angehörigen der Opfer haben sich jeden Applaus in der Arena verbeten.

Es sind zwei Stunden der Tränen und der Trauer, kaum des Trostes. Ella Seifer, eine junge Frau, die die Katastrophe vor der Treppe an der Rampe überlebt hat, erzählt unter Tränen, wie sie dem Sterben an der Karl-Lehr-Straße entkam. Daniel Otto, ein junger Rettungssanitäter, weiß nicht mehr, wie viele Opfer er reanimiert hat; auch seine Stimme ist tränenerstickt. Nadia Zanacchi hat am 24. Juli 2010 ihre 21-jährige Tochter Giulia verloren. Sie ist aus Italien angereist, um für die Angehörigen der Opfer zu sprechen und denen eine Stimme zu geben, deren Leben vernichtet wurde.

"Wir verspüren Wut über eine Tragödie, die mit Sicherheit vermeidbar gewesen wäre. Es hätte gereicht, sich den Ort genau anzusehen, um zu begreifen, dass dort niemals ein Konzert hätte stattfinden dürfen", sagt sie, und: "Wir warten auf eine ehrliche Geste. Eine Geste des Respekts für unsere Kinder." Es sei nun Aufgabe der Richter, die Toten zu schützen: "Sie haben mit ihrem Leben bezahlt."

Michaela Schmitz ist nicht nach Duisburg gekommen. Die 36-jährige Mönchengladbacherin hat mit ihrem Mann Marcus Urlaub genommen und ist weggefahren. Ins Allgäu. Abstand finden, vielleicht eine Kerze in der Dorfkirche anzünden, bloß weit weg von Duisburg. Je näher der Jahrestag rückte, umso schlechter ging es ihr.

Gemeinsam mit zwei Freunden war das Ehepaar im vergangenen Jahr zur Loveparade gefahren. Auf der Rampe wurde die Gruppe getrennt. Michaela geriet mitten in das Zentrum der Katastrophe vor der Treppe. Hilflos eingekeilt in einem Berg von Menschen, sah sie direkt neben sich die 22-jährige Marta Acosta-Mendoza aus Spanien sterben. "Der grauenhafte Anblick und der Todeskampf von Marta gehen mir nicht mehr aus dem Kopf. Es war das Schlimmste, was mir je passiert ist. Ich war machtlos und konnte Marta nicht helfen, während ich selbst Todesängste hatte und um mein eigenes Überleben kämpfte", erzählt sie.

Michaela Schmitz hat lange gar nicht über den 24. Juli 2010 sprechen können. Wie für so viele Verletzte, die der Katastrophe körperlich entkamen, überlebten, ist ihr Leben seitdem aus den Fugen. Von dem langgehegten Kinderwunsch ist keine Rede mehr. Einmal in der Woche trifft sie eine Psychologin. Vor einigen Tagen hat sie ein Gedicht geschrieben, um sich Luft zu machen. Darin heißt es:

"Auf der Rampe vor der Treppe wurde mir ein Teil meines Lebens genommen.

Die Zeit zur Ermahnung ist nun gekommen.

Wer hat Schuld an meinem verkorksten Leben???

Die Antwort hierauf zu finden, ist mein größtes Bestreben!!!"

Ihr Gedicht endet mit dem unerfüllbaren Wunsch, ihr altes Leben zurückzubekommen. Das wäre Michaelas allergrößtes Glück. Es wird so unerfüllbar sein wie Nadia Zanacchis Traum, zu dem Augenblick zurückzukehren, als ihre Tochter Giulia ins Flugzeug stieg, um ihr sagen zu können: Flieg nicht, steig nicht ein!

"Was kann ein Bischof an diesem Ort sagen, welche Worte könnten trösten", fragt der katholische Weihbischof Franz Grave und bekennt: "Theologische Erklärungsversuche versagen, jede Frage nach dem Warum verhallt und kann den Seelenschmerz nicht lindern." Die evangelische Vize-Präses Petra Bosse-Huber vergleicht die Tunnel an der Karl-Lehr-Straße mit dem finsteren Tal des Todes aus dem 23. Psalm. Der Gang durch das finstere Tal sei noch nicht vorüber, aber die Fürsorge anderer Menschen habe vielen Betroffenen geholfen und sie getröstet. Nichts sei nach einer Katastrophe mehr wie vorher. "Das Leben danach ist ganz anders", so Bosse-Huber, "aber es kann gerade durch die Erfahrung von Leid und gemeinsamer Trauer in besonderer Weise wertvoll sein."

Um 16.30 Uhr werden die Tunnel und die Rampe an der Karl-Lehr-Straße noch einmal für zwei Stunden gesperrt. Für diese Zeit ist es der Ort der Hinterbliebenen und Angehörigen, die von der Arena aus dorthin fahren, wo ihre Kinder, Schwestern und Brüder starben. Als der Chor auf der Bühne das letzte Lied gesungen hat, leeren sich die Tribünen, über die ein nasskalter Wind fegt. Um 17 Uhr läuten in der Stadt die Glocken. Zurück bleibt ein offenes Herz auf dem Stadion-Rasen mit 21 Sonnenblumen darin.

Internet Berichte, Bilder, Videos und Hintergründe zur Loveparade unter www.rp-online.de/duisburg

(RP)
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