Ortsbesichtigung in Munster: Syrisches Giftgas in der Heide vernichtet

Ortsbesichtigung in Munster : Syrisches Giftgas in der Heide vernichtet

Das gefährliche Senfgas hätte Hunderttausende töten können. Das riesige syrische Chemiewaffenarsenal wird jetzt in einer unscheinbaren Anlage in Niedersachsen unschädlich gemacht. Ein Blick hinter die Kulissen.

Die Geka im niedersächsischen Munster ist keine Firma wie jede andere: Sie gehört zum Verteidigungsministerium, muss keinen Gewinn machen und ist das einzige Unternehmen in Deutschland, das chemische Munition und Kampfstoffe vernichten darf. Der Gebäudekomplex am Rande eines Truppenübungsplatzes sieht aus wie eine Müllverbrennungsanlage. Doch die starken Sicherheitsvorkehrungen, Kameras, Stacheldraht und Ausweiskontrollen machen deutlich, dass hier kein Hausmüll verbrannt wird. Zwölf Container mit Hydrolysat werden hier im Frühsommer erwartet — die Reste des tödlichen Hautkampfstoffs "Lost" aus dem Arsenal der syrischen Streitkräfte. "Wir haben Erfahrung mit Kampfstoffen", beruhigt Geka-Geschäftsführer Jan Gerhard.

1350 Tonnen wiegen die von der Assad-Regierung gemeldeten Chemiekampfstoffe, davon 850 Tonnen Lost, das krebserregend ist, schwer heilende Hautwunden verursacht, die Lunge angreift und zur Erblindung führt. Das Giftgas, wegen des Geruchs Senfgas genannt, wurde im Ersten Weltkrieg 1917 erstmals eingesetzt — eine deutsche Erfindung. Es wirkt makaber, dass das tödliche Gas ausgerechnet in Munster in der Lüneburger Heide vernichtet wird: Bereits im Ersten Weltkrieg waren dort Versuchs- und Produktionsanlagen für arsenorganische Kampfstoffe wie Clark sowie für Lost und Chlorpikrin entstanden.

Bei einer gewaltigen Explosion war im Oktober 1919 das gesamte Terrain weitläufig vergiftet worden: 48 Gebäude, mehr als eine Million Granaten und Minen sowie Kesselwagen mit Kampfstoffen wurden zerstört. Knapp ein Jahr nach dem Ende des Ersten Weltkrieges war ein Zug mit Munition explodiert und hatte die Kettenreaktion mit vielen Toten ausgelöst.

Mit der Übernahme des Truppenübungsplatzes durch die Bundeswehr begann ab 1956 eine kontrollierte Aufarbeitung der Hinterlassenschaften aus den beiden Weltkriegen — eine immense Aufgabe, die bis heute noch nicht abgeschlossen ist, berichten die Experten. Man werde wohl noch Jahrzehnte mit der Vernichtung alter Munition zu tun haben.

Draußen stehen zahlreiche Container mit Munitionsresten, die, entsprechend entschärft, als Schrott verkauft werden können: Zersägte Fliegerbomben aus dem Zweiten Weltkrieg, Granaten und andere Munitionsreste. Mit Blick darauf ist der "Syrien-Auftrag" fast nur eine Nebenbeschäftigung. Bis Ende des Jahres sei der Auftrag abgeschlossen, teilte der Technische Geschäftsführer Andreas Krüger mit. Einer der drei Verbrennungsöfen in der Heide ist speziell für die Entsorgung derartiger Stoffe ausgerichtet. Die Prozedur an sich ist unspektakulär: Aus dem großen Tank wird die Flüssigkeit in den Ofen gepumpt und dort eingespritzt: Bei 1000 Grad Hitze verdampft die Substanz binnen fünf Sekunden vollständig; es bleiben nur ungefährliche Salze zurück.

Die Reststoffe, die nach Munster kommen, haben eine lange Reise hinter sich: Fünf Monate nach den verheerenden Giftgas-Anschlägen in Syrien, die massiven internationalen Druck auf das Assad-Regime zur Folge hatten, hat der Abtransport der chemischen Waffen aus dem Bürgerkriegsland inzwischen mit erheblicher Verzögerung begonnen. Die erste Ladung ist von zwei Standorten in Syrien zur Hafenstadt Latakia gebracht und auf ein dänisches Schiff verladen worden. Im Mittelmeer übernimmt das US-Spezialschiff "Cape Ray", ein umgebauter Frachter, die Kampfstoffe und verdünnt sie zur Chemikalie Hydrolysat, die mit flüssigem Industrieabfall vergleichbar ist.

Bewacht werden soll die "Cape Ray" dabei auch von einer deutschen Fregatte. Die 370 Tonnen Hydrolysat werden per Schiff nach Deutschland gebracht — der Hafen wird noch nicht genannt — und in Tanks abgefüllt. Per Lkw, begleitet von Chemiewaffen-Inspektoren und der Bundeswehr, gelangen sie nach Munster. Das sei ungefährlich, betonte Krüger. "Hydrolysat, eingestuft als ätzende Flüssigkeit, stellt keine besondere Bedrohung für die Bevölkerung und die Umwelt dar."

Hier geht es zur Bilderstrecke: Hier wird syrischen Giftgas vernichtet

(RP)
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