Springer-Chef Mathias Döpfner kritisiert den Journalismus

Branchenausblick für 2019 : „Medien müssen Vertrauen zurückgewinnen“

Als Präsident des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger geht Springer-Chef Mathias Döpfner mit der Branche hart ins Gericht.

(dpa) Printmedien in Deutschland müssen sich nach den Worten des Präsidenten der Zeitungsverleger, Mathias Döpfner, einer wachsenden Entfremdung zwischen Lesern und Redaktionen stellen – und das nicht erst als Folge des Fälschungsskandals beim „Spiegel“. Nicht die Digitalisierung sei das Problem von Zeitungen und Zeitschriften, sondern eine sich seit Jahren hinziehende intellektuelle und inhaltliche Krise des Journalismus. Springer-Vorstandschef Döpfner äußerte im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur Zweifel am Auftritt von Journalisten auf Twitter und Facebook. Er empfehle größte Zurückhaltung, wenn nicht gar totale Enthaltsamkeit.

Die Branche müsse mit einer „Lebenslüge“ aufräumen, sagte Döpfner. „Dass die vielbeschworene Zeitungskrise durch technologischen Wandel verursacht ist. Das stimmt nicht, das ist ein Alibi.“ Vielerorts habe sich Selbstzufriedenheit und Überheblichkeit breitgemacht.

„Ich will nicht verallgemeinern, das gilt niemals für alle“, sagte der Präsident des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger (BDZV). „Aber leider haben sich entsprechende Geisteshaltungen in ganz verschiedenen Verlagen und Redaktionen eingenistet und dazu geführt, dass es zu einer tiefen Entfremdung zwischen Leserinnen und Lesern und den journalistischen Angeboten gekommen ist.“ Das bedeute nicht, den Lesern nach dem Mund zu reden, aber genauer zu wissen, was wen wie interessiere.

In einem Brief an die Verleger zum neuen Jahr ermutigte Döpfner die BDZV-Mitglieder, sich 2019 auf Kernaufgaben zu besinnen und sich die Glaubwürdigkeit wieder zu verdienen. „Denn nur so können wir die Populisten und Feinde der Pressefreiheit in ihre Schranken weisen.“ Auch nach dem Fälschungsskandal um den früheren „Spiegel“-Reporter Claas Relotius werde man sich nicht als „Lügenpresse“ verunglimpfen lassen.

„Das Problem, dass einstweilen aus dem ,Sturmgeschütz der Demokratie’ ein ,Luftgewehr der Fantasie’ geworden ist, das muss der „Spiegel“ lösen“, sagte Döpfner. Dafür habe das Blatt gute Chancen mit seinem neuen, unbelasteten Chefredakteur. Eine ähnliche Einstellung wie beim „Spiegel“ herrsche in vielen Redaktionen und Jurys für Reporterpreise. „Haltung ist oft wichtiger als Handwerk, Weltanschauung wichtiger als Anschauung.“

So erscheine ihm auch der Auftritt von Journalisten in sozialen Medien „zunehmend problematisch“. Die Vorstellung, dass Medienvertreter rein privat twittern oder auf Facebook posten, sei absurd, kein Mensch könne das unterscheiden. „Ein Chefredakteur oder Redakteur ist dort keine private Person.“ Journalisten hätten ja eine gute Plattform, um sich auszudrücken: „Ihr Medium.“ Warum sollten sie ihre Erkenntnisse, Gedanken und Inhalte verschenken, um Twitter zu Exklusivnachrichten oder Kurzkommentaren verhelfen, fragte Döpfner.

Auch die jüngste Twitter-Aktion #Nazisraus in Richtung AfD sei „höchst problematisch“. Der Hashtag sei ein Zeichen für die zunehmende Unfähigkeit, durch Argumente eine Partei zu entzaubern, die außer Zorn und Ressentiment nicht viel zu bieten habe. „Journalisten sollten dafür besonders sensibilisiert sein.“ Solche Statements förderten ein intolerantes Meinungsklima und eine intellektuelle Unfähigkeit, mit anderen Meinungen und Auffassungen weltoffen und zivilisiert umzugehen. Er habe kein Verständnis, wenn sich Journalisten damit selber stilisierten.

Döpfner warnte davor, nach der Affäre um den „Spiegel“-Skandal schnell zur Tagesordnung überzugehen. Viele Medien gingen „erstaunlich zurückhaltend“ mit dem Fall um. Offensichtlich wirke das Argument, dass Relotius auch woanders veröffentlicht habe, wie eine Beißhemmung. Der Fall sei vor allem auf Medienseiten und im Feuilleton abgehandelt worden. Wenn jetzt die Medienbranche aber weggucke, schade das ihrer Glaubwürdigkeit. „Es steht hier also sehr viel auf dem Spiel“, so Döpfner.

(dpa)
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