Eine Groteske mit Heringen und der Nato: Schweden jagt feindliche U-Boote

Eine Groteske mit Heringen und der Nato: Schweden jagt feindliche U-Boote

Stockholm (dpa). Immer mehr der Lächerlichkeit preisgegeben sieht sich Schwedens Marine mit ihren Anstrengungen, illegal eingedrungene fremde U-Boote in eigenen Gewässern aufzuspüren. Nachdem erst in der letzten Woche hochrangige Militärs eingeräumt hatten, dass angeblich einwandfrei als "feindliche Eindringlinge" geortete Objekte in Wirklichkeit harmlose Heringsschwärme waren, meldete sich jetzt der frühere US-Verteidigungsminister Caspar Weinberger im schwedischen Fernsehen zu Wort.

NATO-U-Boote hätten sich in den 80er Jahren regelmäßig auf geheimer Mission, aber eben mit Billigung der dortigen Stellen in den Gewässern des neutralen skandinavischen Landes bewegt, teilte er der überraschten Öffentlichkeit mit. Der NATO-Auftrag: Die Abwehrfähigkeit der Schweden für den Fall einer sowjetischen Invasion sollte getestest werden.

Für Außenstehende dürfte die fast zwanzig Jahre währende Debatte um fremde U-Boote in Schweden damit endgültig zur Groteske geworden sein. Nach der spektakulären Strandung des Sowjet-Atom-U-Bootes U 137 aus der Whiskey-Klasse 1981 vor Karlskrona fanden die schwedischen Jäger zehn Jahre lang kein ein einziges fremdes Boot, obwohl sie entlang der gesamten Ostseeküste ein hochmodernes, lückenloses Überwachungssystem installierten und bei "dringendem Verdacht" auch vor dem Abwurf von Bomben nicht zurück schreckten.

Weinberger, 1981 bis 1987 in den Jahren des Kalten Krieges Chef im Pentagon und sicher kein glühender Anhänger der Stockholmer Neutralitätsideologe, äußerte in der TV-Sendung "Striptease", niemals habe es schwedische Proteste gegeben. Im Gegenteil: "So weit ich weiß, hat die NATO niemals U-Boote in schwedische Gewässer ohne Konsultationen mit den dortigen Stellen geschickt", sagte Weinberger.

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Schwedens jetziger Verteidigungsminister Björn von Sydow erklärte auffallend schnell, er sehe keinen Grund, an Weinbergers Angaben zu zweifeln und bestellte die Marine-Führung zum Rapport. Ex- Ministerpräsident Ingvar Carlsson konnte im Rundfunk nur schwer seinen Zorn über die Militärs im Zaum halten, von denen er sich böse hinters Licht geführt fühlt.

Tatsächlich hatten Carlsson und sein 1986 ermordeter Vorgänger Olof Palme von ihren Militärs in den 80er Jahren immer wieder in den finstersten Farben die Gefahr einer denkbaren sowjetischen Invasion am Beispiel der U-Boote dargelegt bekommen. Kaum ein Jahr verging, in dem nicht mindestens einmal gemeldet wurde, nun sei man ganz sicher, ein U-Boot der Roten Armee vor der eigenen Küste oder sogar in den Schären um Stockholm geortet zu haben. Der letzte Beweis aber blieb stets aus. Mit dem Ende des Warschauer Vertrages Anfang der 90er Jahre verlor die potenzielle militärische Bedrohung Schwedens durch Moskau als Motiv für eigene Verteidigungsanstrengungen dann auch noch die "Geschäftsgrundlage".

Militärexperten dürften die jüngsten Enthüllungen über die geheime Kooperation zwischen "neutralen" schwedischen Militärs und NATO- Stellen kaum überraschen. Für die westliche Allianz galt stets als Selbstverständlichkeit, dass der gesamte skandinavische Ostseeraum mit den NATO-Mitgliedern Norwegen und Dänemark, aber auch den neutralen Ländern Schweden und Finnland eine strategische Einheit im Kriegsfall mit dem Warschauer Pakt gewesen wäre. So dachte nach Meinung aller Stockholmer Analytiker auch die militärische Führung in Schweden. Das aber auch offen auszusprechen, galt bisher als Tabu.

(RPO Archiv)
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