Paris: Schlossherr für 51 Euro

Paris: Schlossherr für 51 Euro

Mit einer bisher einmaligen Aktion soll ein Château in Frankreich vor dem Verfall gerettet werden. Tausende Privatleute gaben dafür bereits Geld und wurden so zu Schlossbesitzern. Jetzt beginnt die Restaurierung.

Wer träumt nicht von einem Schloss in Frankreich? Noch dazu von einem, das romantisch mitten im Wasser liegt, mit Türmchen und Zinnen wie im Mittelalter. Ein solches Schloss kann jeder besitzen - für nur 51 Euro. So viel kostet der Mindestbetrag, um sich am Château Mothe-Chandeniers zu beteiligen, eine Autostunde westlich von Tours gelegen. Jahrzehntelang verfiel der Prachtbau aus dem 13. Jahrhundert, bis im Oktober eine riesige Crowdfunding-Aktion begann, um die Ruine wieder instand zu setzen. Eine kleine Gruppe von Anwohnern der Region hatte die Initiative ergriffen. "Meine Eltern kommen aus der Gegend. Ich kenne das Schloss seit meiner Kindheit und wollte mich immer dafür einsetzen, dass es gerettet wird", sagte die 23-jährige Julie Texier der Zeitung "Le Parisien".

Das Ergebnis war eine Art Aktiengesellschaft, die die Retter zusammen mit dem Verein Adopte un Château (Adoptiere ein Schloss) und der auf Bewahrung des Kulturerbes spezialisierten Agentur Dartagnans gründeten. Dank der zahlreichen Spender, die sich daraufhin meldeten, konnte das alte Gemäuer nun seinem Besitzer, einem pensionierten Mathelehrer, abgekauft werden. 500.000 Euro wollte der Eigentümer für sein heruntergekommenes Anwesen haben. 600.000 sind inzwischen bereits zusammengekommen - und das deutlich vor Ablauf der Frist am 24. Dezember.

Rund 6500 Geber aus 45 Ländern können sich künftig Besitzer des Schlosses nennen, das nicht zum Kulturerbe gehört und damit auch nicht unter Denkmalschutz steht. "Das Risiko war zu groß, dass Mothe-Chandeniers von einem Investor aufgekauft und abgerissen wird", schreibt Dartagnans auf seiner Website. Seine beste Zeit erlebte das Château im 17. Jahrhundert, als das Adelsgeschlecht der Rochechouart dort Hof hielt. Nach seiner Plünderung während der französischen Revolution baute es Baron Edgar Lejeune, ein ehemaliger Stallmeister von Napoleon III, im 19. Jahrhundert von einer mittelalterlichen Burg zu einem romantischen Château nach dem Vorbild der Loire-Schlösser aus. Als Lejeunes Nachfahren 1932 eine Zentralheizung einbauen wollten, zerstörte ein Brand einen Großteil des Gebäudes. Auch wertvolle Bücher und Gobelin-Teppiche gingen damals in den Flammen auf. Übrig blieben Kapelle, Taubenschlag und ein Steingerippe, das von Büschen und Bäumen überwuchert wird. Ein trauriger Anblick für die Nachbarn, die deshalb nach Lösungen suchten.

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Der Beauftragte für die Rettung des französischen Kulturerbes, Stéphane Bern, ist von der ungewöhnlichen Art, Geld zusammenzubekommen, begeistert. "Dieses Wirtschaftsmodell sollte genauer angeschaut werden", sagte er dem "Parisien". Schließlich gebe es in Frankreich rund 1000 Schlösser, die zum Verkauf stünden. Von den Kirchen ganz zu schweigen. Berns Idee, zur Rettung der berühmten französischen Kathedralen Eintrittsgeld zu nehmen, hatte vor einigen Wochen für Wirbel gesorgt. Vor allem die katholische Kirche hält am religiösen Charakter der Gebetsstätten fest, für die der Besuch nichts kosten soll. Nun soll eine Sonderlotterie eingeführt werden, die Geld zum Erhalt aller bedrohten Denkmäler in die Staatskassen bringen soll.

"Wenn man nichts unternimmt, wird sich die Zahl der Schlösser, die verfallen, in zehn Jahren verzehnfachen", warnt der Chef von Adopte un Château, Julien Marquis. Er bereitet nach dem Kauf, der am 1. Dezember perfekt gemacht wurde, bereits Phase zwei der Operation Schlossrettung vor. Er will Architekturgutachten einholen und mit der Absicherung des Gebäudes beginnen, damit möglichst schnell auch zahlende Besucher in die alten Mauern kommen. Mit 50.000 zahlenden Gästen rechnet er bereits 2021. Doch das letzte Wort über die Zukunft der Immobilie haben die neuen Schlossherren, die 2018 zur ersten Besichtigung geladen werden. Bauarbeiten, Nutzung, Eintrittspreis: alles soll auf einer Internetplattform zur Abstimmung gestellt werden. Dort wird sich dann auch entscheiden, ob Marquis' Zukunftsvision umgesetzt wird - Château Mothe-Chandeniers als Drehort für Kinofilme.

(RP)