München: Säure-Rache vorerst verschoben

München : Säure-Rache vorerst verschoben

Überraschend hat die iranische Justiz das Säureopfer Ameneh Bahrami in ihrem Vorhaben gestoppt, ihrem einstigen Peiniger die Augen zu verätzen. Die 30-Jährige ist empört. Sie hofft weiter auf Rache.

Sie wollte ihre Rache unbedingt – gegen alle Mahner, gegen alle Bitten, auch Geldangebote konnten sie nicht umstimmen. Und doch wurde Ameneh Bahrami bei ihrem Rachefeldzug überraschend gestoppt. Ausgerechnet von der iranischen Justiz, die ihr die Rache überhaupt erst ermöglichen wollte.

"Mir wurde gesagt, dass die Vollstreckung nur verschoben ist und diese Woche nachgeholt wird", zitiert der mvg-Verlag in München Ameneh Bahrami. Dort erschien ihr Buch "Auge um Auge", das die Lebens- und Leidensgeschichte der Frau erzählt. Die iranische Nachrichtenagentur ISNA berichtet jedoch, die Vollstreckung sei auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Im Gespräch habe sich Bahrami empört und enttäuscht über die Entscheidung geäußert, teilte der Verlag am Wochenende mit. Die Vollstreckung sei ihrer Ansicht nach aus fadenscheinigen Gründen verschoben worden: "Angeblich war kein Arzt da. Das stimmte nicht. Bei uns stand ein Arzt, der sagte, dass er für die Vollstreckung gekommen ist."

Die durch einen Säure-Anschlag erblindete und entstellte Iranerin Ameneh Bahrami wollte ihrem Peiniger am Samstag in einem Krankenhaus in Teheran Säure in die Augen träufeln, damit er das Gleiche erleidet wie sie. 2008 hatte ihr ein iranisches Gericht das Recht auf Rache zugesprochen.

Die Elektrotechnik-Studentin hatte vor sieben Jahren an der Universität in Teheran den fünf Jahre jüngeren Madschid Mowahedi kennen gelernt. "Er war kein Freund oder Verlobter. Ich habe ihn nur an der Universität ein paar Mal gesehen", sagte Bahrami in einem Interview vor zwei Jahren. Über seine Mutter hatte Mowahedi ihr dennoch einen Heiratsantrag zukommen lassen – Ameneh Bahrami lehnte ab.

Im September 2004 stoppte der Zurückgewiesene die junge Bahrami auf der Straße. Er schüttete ihr Schwefelsäure ins Gesicht – die Säure verätzte Augen, Hals und Hände. Seitdem musste Ameneh Bahrami mehr als 20 Operationen über sich ergehen lassen, für bessere Behandlungstechniken wanderte sie schließlich nach Spanien aus.

Die iranische Polizei hatte den Täter in der Zwischenzeit verhaftet, er wurde verurteilt und kam in ein iranisches Gefängnis. Doch die Strafe reichte der jungen Frau nicht. In einem langen Prozess erstritt sie das Recht auf Rache: Die Richter erlaubten ihr, dem zunächst betäubten Madschid Mowahedi Säure in beide Augen zu träufeln.

Das Urteil sorgte bereits 2008 für Aufsehen und harsche Kritik in der westlichen Welt. In den vergangenen Tagen flammte die Empörung erneut auf. Für Orient-Experten ist diese Umsetzung des islamischen Rechts, der Scharia, antiquiert und unverständlich. Selbst iranische Stellen hatten Bahrami gebeten, von ihrem Recht zurückzutreten.

Die 32-Jährige vermutet nun, dass der öffentliche Diskurs zu der Aussetzung des Urteils geführt hätte. "Der große Widerhall in der Presse hat der Justiz nicht gefallen", sagte sie dem mvg-Verlag. Letztlich soll der iranische Parlamentspräsident Ali Laridschani alle Beteiligten mit einem Fax über die Verschiebung informiert haben. Bahrami hofft nun auf eine zügige Vollstreckung. In Kürze muss sie nach Spanien zurückkehren, um dort ihre Aufenthaltsgenehmigung zu verlängern.

(RP)