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Deutsche Kids sind nahezu süchtig: Run auf japanische Taschenmonster

Deutsche Kids sind nahezu süchtig : Run auf japanische Taschenmonster

Köln (dpa/lnw). Virtuelle Knuddelmonster besetzen Deutschland: "Pokemon" heißt der Monster-Traum, der vor allem Kinder fest im Griff hält - und Eltern meistens ein Rätsel ist. "Jeder will sie", erklärt der zwölf Jahre alte Marco aus Köln den Run auf die japanischen Taschenmonster.

"Fast die halbe Schule sammelt Pokemon-Karten." Für geschäftstüchtige Kids ein gefundenes Fressen, denn die Sammelkarten der begehrtesten und seltenen Pokemon wie "Glurak" werden zu hohen Preisen gehandelt und sind in den Spielwarengeschäften derzeit Mangelware.

"An einer -Karte habe ich schon einmal 120 Mark verdient", erzählt Marco stolz. Teilweise verkaufen die Kids ihre Karten sogar an die Geschäfte, denen wegen Lieferschwierigkeiten der Hersteller schon im Januar die Knuddelmonster ausgegangen waren, berichtet der gleichaltrige Dennis. In den Augen vieler sammelwütiger Kinder bieten die sonst übervollen Auslagen der Spielwarengeschäfte im Augenblick denn auch ein eher trauriges Bild. "Leider ausverkauft!" lautete die Auskunft auf die Frage nach den Monster-Artikeln - darunter Comics, Videospiele und Spielzeug - in vielen Geschäften.

Die Spielefirma Amigo aus dem hessischen Dietzenbach, die die Sammelkarten vertreibt, sei von dem Run der Kids "völlig überrumpelt" worden, sagt Sprecherin Tanja Hohmann. Seit November habe das Unternehmen rund 65 Millionen Karten verkauft, obwohl in den ersten beiden Monaten des Jahres der Vertrieb regelrecht zusammengebrochen war: "Es war alles ausverkauft, erst im März konnten wir wieder liefern", sagt sie.

Allerdings gebe es die Karten und Figuren nur in ganz wenigen Geschäften, beklagt sich Dennis. "Aber in denen sind wir täglich." Der gleichaltrige Marlon aus Köln hat noch einen Geheimtipp parat: "Ich mache mich an Kiosken auf die Suche, viele kennen das noch nicht." Der Zwölfjährige hat die Sammelleidenschaft nach eigenen Angaben gut im Griff: "Computerspiele und Karten sind mir zu teuer. Ich sammle Sticker." Allerdings sei er auch hinter dem Stickeralbum gut zwei Wochen lang her gewesen - zusammen mit den meisten Mitschülern. Für Dennis genügen Karten, Sticker und Figuren nicht mehr - das "Game-Boy-Spiel muss her".

Die Pokemon (von Pocket Monster) sind kleine, bunte Monster, die in Aussehen, Stärke und Charakter stark variieren. Ob "Pikachu", "Penapod" oder "Squirtle", alle werden vom Gameboy-Spieler trainiert, um stärker zu werden. Sind seine Pokemon stark genug, kann er sie gegen andere Trainer und deren Taschenmonster kämpfen lassen. Ziel ist es, der "beste Trainer aller Zeiten" zu werden. Richtig populär seien die kleinen Monster erst mit dem Start der auf RTL II laufenden Zeichentrickserie geworden, heißt es bei dem Kölner Sender. Jeden Tag ziehe es hunderttausende von Kindern vor den Bildschirm - die Einschaltquoten lägen bei 70 Prozent.

Nach der deutschen Markteinführung im vergangenen Oktober sei das Game-Boy-Spiel mit 150 kleinen Monstern in weniger als zwölf Wochen mehr als 800 000 Mal verkauft worden, berichtet Verkaufs- und Marketing-Direktor Axel Herr von Nintendo Deutschland (Großostheim/Hessen). So häufig sei noch kein anderes Videospiel in vergleichbar kurzer Zeit verkauft worden. In Europa gingen in diesen Wochen rund zwei Millionen Pokemon-Kassetten über die Ladentheke. Weltweit gebe es rund 30 Millionen Pokemon-Spieler. Für das laufende Jahr erwarte Nintendo mit "Pokemon" einen erweiterten Handelsumsatz von 500 Millionen DM in Deutschland. In ganz Europa sollen gut 7,5 Millionen Spiele verkauft werden.

"Pokemon läuft glänzend. Nach unseren Erwartungen werden die Monster noch lange ein Thema bleiben", bestätigt der Sprecher der Essener Handelskette Karstadt, Michael Scheibe. "Sowie die Sachen in die Regale kommen, sind sie auch schon verkauft." Durch den neuen Pokemon-Kinofilm, der am 13. April anlaufen soll, werde das "Thema weiter gepuscht", hofft er. Auch bei dem Kölner Kaufhof- Konzern sei die Nachfrage riesig, sagt ein Sprecher.

Keiner der drei Zwölfjährigen weiß ganz genau, warum er hinter den knuddeligen Mini-Monstern herjagt - "es machen einfach alle. "Eigentlich habe ich mich erst gar nicht dafür interessiert", sagt Marco achselzuckend. Marlon ist ein Fan der Zeichentrickserie: "Erst war die nicht besonders gut, sie ist aber viel besser geworden."

(RPO Archiv)