1. Panorama

Rettungskräfte: Selbstverteidigungskurse gegen Gewalt und Pöbeleien

Gewaltstudie für NRW : Rettungskräfte wünschen sich Kurse zur Selbstverteidigung

Es sind alarmierende Zahlen: 92 Prozent der Rettungskräfte in NRW wurden laut einer Studie der Ruhr-Universität Bochum im vergangenen Jahr im Dienst angepöbelt, 26 Prozent erlebten körperliche Übergriffe. Forscher plädieren für mehr Prävention.

Sie sind da, um Menschen in Notsituationen zu helfen. Manchmal geht es um Leben oder Tod. Der Respekt vor Rettungskräften wie Notärzten, Notfallsanitätern und Rettungsassistenten nimmt aber anscheinend immer mehr ab. Das geht aus einer am Freitag veröffentlichten Studie der Ruhr-Universität Bochum (RUB) hervor.

Kriminologen der Universität befragten Rettungskräfte aus Nordrhein-Westfalen zu ihren Gewalterfahrungen bei der Arbeit. Das Ergebnis: 92 Prozent der Rettungskräfte wurden im vergangenen Jahr im Dienst angepöbelt, 26 Prozent wurden Opfer körperlicher Übergriffe.

Heiko Hennig ist Rettungsassistent aus Moers und hat Gewalt im Dienst erlebt: "Einmal wurden wir in eine Wohnung gerufen, in der der Vater gerade gestorben war. Jede Hilfe war zwecklos. Doch die Söhne bauten sich zu dritt vor meinem Kollegen und mir auf, einer von ihnen mit einem Baseballschläger in der Hand. Die Aussage war klar: Entweder wir sorgen dafür, dass ihr Vater weiter lebt, oder sie regeln das anders." Die beiden verständigten die Polizei. Bis zur Rettung lieferten sie eine "Show-Wiederbelebung fürs Auge", wie Hennig sagt.

Die Ergebnisse der Studie

Thomas Feltes und Marvin Weigert vom Lehrstuhl für Kriminologie, Kriminalpolitik und Polizeiwissenschaft der RUB befragten insgesamt 4500 Rettungskräfte aus NRW. "Wir unterscheiden in der Befragung zwischen verbaler Gewalt, nonverbaler Gewalt — also Gesten wie einen Vogel oder den Mittelfinger zeigen — und körperlicher Gewalt", erklärt Weigert. Bei der Ausarbeitung der Ergebnisse zeigte sich, dass Einsatzkräfte im Rettungsdienst wie Notärzte, Notfallsanitäter und Rettungsassistenten stärker gefährdet sind, Opfer solcher Übergriffe zu werden, als Einsatzkräfte im Brandeinsatz.

In dem Fragebogen gaben 26 Prozent der Rettungskräfte an, in den zwölf Monaten vor der Befragung Opfer körperlicher Gewalt geworden zu sein. 92 Prozent wurden Opfer verbaler Gewalt und 75 Prozent berichteten von einem nonverbalen Übergriff. Von den Einsatzkräften im Brandeinsatz berichteten nur zwei Prozent von körperlichen, 36 Prozent von verbalen und 29 Prozent von nonverbalen Übergriffen. Einen Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Einsatzkräften gab es nicht.

Bei der Interpretation der Zahlen ist aber Vorsicht geboten, denn nur 18 Prozent der Befragten nahmen an der Studie teil. "Über die Gründe für die niedrige Rücklaufquote können wir nur spekulieren. Möglicherweise betrifft das Problem doch weniger Rettungskräfte als gedacht", sagt Feltes.

Wann und wo kommt es zu Gewalt?

Die meisten Vorfälle ereigneten sich nachts (mehr als 60 Prozent) und in den Großstädten von NRW. In Städten mit mehr als 500.000 Einwohner kam es doppelt so häufig zu Übergriffen als in kleineren Städten. Besonders betroffen waren die Innenstädte.

Auffällig ist, dass die Täter überwiegend aus dem unmittelbaren Umfeld der Hilfesuchenden stammen. Sie sind zu 90 Prozent männlich und in der Häfte der berichteten Fälle zwischen 20 und 40 Jahre alt. Bei Übergriffen mit körperlicher Gewalt waren 55 Prozent der Täter erkennbar alkoholisiert.

"Die Hemmschwelle ist in den vergangenen fünf bis sieben Jahren gesunken", sagt Christian Heekeren, Wachabteilungsleiter der Moerser Feuerwehr. "Gerade zu späterer Stunde am Wochenende, wenn Alkohol und Drogen im Spiel sind, mehren sich die Vorkommnisse. Wenn die Aufgabe zu helfen gestört wird, leidet bei den Kollegen auch schon einmal leicht die Psyche darunter."

Für Rettungsassistent Hennig gehören Grenzüberschreitungen schon zum Alltag: "Verbal werden wir regelmäßig angegangen", berichtet er. Er wurde beim Einsatz schon mit Steinen beworfen. An Silvester machten sich Passanten zudem einen Spaß daraus, offene Fenster des Rettungswagens mit Raketen zu beschießen.

Um das Problem in den Griff zu bekommen, fordert Feltes die Gewaltprävention angemessen in die Ausbildung und in Fortbildungen aufzunehmen: "Außerdem müssen die Einsatzkräfte sensibilisiert werden, Übergriffe jeglicher Art zu melden. Nur auf dieser Datenbasis können sinnvolle Präventionsmaßnahmen angeboten und ihr Erfolg evaluiert werden."

Qualität der Attacken nimmt zu

Auch wenn die Einsatzkräfte laut Studie insgesamt zufrieden mit ihrer Ausbildung waren, wünschten sie sich, intensiver auf eskalierende Einsatzsituationen vorbereitet zu werden und gewaltpräventive Maßnahmen zu erlernen. Insbesondere Fortbildungen zu Deeskalationstechniken und körperschonenden Abwehrtechniken wurden vorgeschlagen - Selbstverteidigungskurse für Rettungskräfte.

"Übergriffe gab es schon immer, aber auch die Qualiät der Attacken hat zugenommen. Wir wurden auch früher schon an Silvester mit Böllern beworfen, nur kommen solche Fälle jetzt auch leider zu anderen Zeiten immer häufiger vor", sagt Thorsten Gedaschke von der Deutschen Feuerwehr-Gewerkschaft NRW. Tägliche Beleidigungen, das Zerstechen der Reifen an Rettungswagen oder der Diebstahl von Ausrüstung aus den Wagen seien die harmloseren Vorfälle.

(gaa / mlat)