Erzbischof von Köln Wie Kardinal Woelki in zehn Jahren das Vertrauen der Gläubigen verlor

Analyse | Köln · Als Kardinal Rainer Maria Woelki von Papst Franziskus zum Erzbischof von Köln ernannt wurde, freuten sich viele Gläubige. Zehn Jahre später sind nach etlichen Fehlern viele von seiner Amtsführung enttäuscht.

Werdegang und Lebenslauf: Das ist Rainer Maria Kardinal Woelki
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Das ist Rainer Maria Kardinal Woelki

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Foto: dpa/Robert Michael

Zu sehen sind sie kaum, bedeutsam aber doch: In fünf Metern Höhe baumeln im Nordquerhaus des Kölner Doms lange goldene Holzstäbe, sogenannte Jahresstäbe. Sie machen die Amtsdauer des jeweiligen Erzbischofs zu Köln anschaulich. Und für Rainer Maria Kardinal Woelki wird demnächst ein zehnter Stab dort montiert. Am 11. Juli werden zehn Jahre vergangen sein, als Papst Franziskus den damaligen Erzbischof von Berlin zum Erzbischof von Köln ernannte.

Vielen erschien diese Personalie auf höchster Ebene eine frohe Botschaft zu sein: Rom hatte zum direkten Nachfolger von Joachim Kardinal Meisner und 94. Nachfolger des Heiligen Maternus auf einen Mann aus Köln gesetzt: Geboren 1956 in der Köln-Mülheimer Bruder-Klaus-Siedlung, hatte Woelki seine Priesterweihe im Kölner Dom empfangen, er war Kaplan unter anderem in Düsseldorf und Neuss, diente als sogenannter Geheimsekretär Kardinal Meisner, wurde schließlich einer der Kölner Weihbischöfe. Zudem schien ihm die kurze Berufung nach Berlin gutgetan zu haben. In der ruppigen Luft der größtenteils christfernen Hauptstadt wurde er souveräner, profilierter, auch offener und zugänglicher.

Heute ist die Euphorie des Anfangs vollständig verflogen und die Amtszeit zu einem Jahrzehnt der Auseinandersetzungen und Enttäuschungen geworden, der Kommunikationspannen und eines großen, anhaltend wachsenden Vertrauensverlustes. Alle Diözesen in Deutschland verzeichnen eklatante Mitgliederverluste, in Köln aber – dem noch größten deutschen Bistum hierzulande – gehen die Erosionen weit tiefer.

Ob dieses Jahrzehnt seine Fortsetzung finden wird, ist keineswegs so sicher wie das sprichwörtliche Amen in der Kirche. Das könnte unter anderem vom Urteil eines weltlichen Gerichts abhängen. Noch ermittelt Oberstaatsanwalt Ulf Willuhn gegen den Erzbischof wegen des Verdachts auf Meineid und falscher eidesstattlicher Versicherung. Es geht darum, zu welchem Zeitpunkt der Erzbischof über Missbrauchsvorwürfe gegen bestimmte und von ihm beförderte Priester informiert gewesen war. Dazu gab es im Juni des vergangenen Jahres sogar eine Hausdurchsuchung im Bischofshaus, die vorab Medien bekannt und so im Bild festgehalten wurde. Seitdem ist der Kreis der Ermittler kleiner, mit der Folge, dass sich die Auswertung von etwa 800.000 erfassten E-Mails hinzieht. Ergebnisse werden jetzt für diesen Herbst in Aussicht gestellt.

Woelki selbst hat sich bisher nicht zu den Vorwürfen geäußert. Ob er aber selbst bei einer Verurteilung als Erzbischof abberufen wird, bleibt fraglich. So aktiv Papst Franziskus noch vor drei Jahren im Umfeld der Missbrauchsgutachten gewesen ist, sogar zwei Apostolische Visitatoren nach Köln schickte und dem heute 67-jährigen Kardinal später eine mehrmonatige Auszeit ans Herz legte, so passiv waren seine Reaktionen anschließend. Rom signalisiert, dass es erst einmal keinen Grund zum weiteren Handeln sieht, gleichwohl Franziskus seinem Kardinal „große Fehler“ in der Kommunikation der Aufarbeitung attestierte.

Dabei wollte Köln an der Spitze katholischer Aufklärung stehen und beauftragte als erstes deutsches Bistum die Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl mit einem Missbrauchsgutachten. Seine Veröffentlichung wird dann kurz vor der Präsentation im März 2020 abgesagt. „Äußerungsrechtliche Bedenken“ seien noch zu klären, heißt es. Schließlich wird ein zweites Gutachten in Auftrag gegeben und im März 2021 öffentlich. Zahlreiche Pflichtverletzungen werden darin hohen Würdenträgern – vor allem dem verstorbenen Kardinal Meisner – bescheinigt. Kardinal Woelki aber ist nicht darunter. Doch das Vertrauensporzellan ist längst zerschlagen, insbesondere haben viele Betroffenen ihren Glauben an Gerechtigkeit verloren.

Verkündigung ist der Kern kirchlichen Handelns. Doch in der Aufarbeitung eigener Fehler erlebt das Erzbistum ein Kommunikationsdesaster. Ablesbar wird das an den zahlreichen Medienchefs, die im Erzbistum im vergangenen Jahrzehnt ihr Glück versuchten. Mit dem kürzlich berufenen PR-Fachmann Wolfram Eberhardt ist es der achte auf diesem Posten. Allein für die Krisenberatung zwischen 2019 und 2021 gab das Erzbistum 820.000 Euro aus.

Während viele nun auf die staatsanwaltlichen Ermittlungen warten, schreitet der Umbau im Erzbistum voran. Da ist die umstrittene Kölner Hochschule für katholische Theologie (KHKT), die von Kritikern nur „Woelki-Hochschule“ heißt und nach Auffassung der Landesregierung das Preußenkonkordat verletzt, wonach nur die Bonner Universität angehende Priester ausbildet. Inzwischen gibt es für die KHKT sogar Zuschüsse aus Kirchensteuermitteln.

Es gibt Proteste und Kritik fast im Wochentakt. Dazu gehört die Verkleinerung des Diözesanpastoralrates mit künftig 18 Laien, die nur noch per Los ins erzbischöfliche Beratergremium finden sollen. Wie auch die Neubesetzung der Direktorenstellen des Katholisch-Sozialen Instituts. Fünf Mitglieder verlassen das Kuratorium, da sie in der Entscheidung nicht ausreichend einbezogen wurden. Schließlich der überraschende Umbau des Kölner Senders Domradio, das künftig neben Chefredakteur und Geschäftsführer einen weiteren Geschäftsführer bekommen soll.

Mehr Häuptlinge für die größere Einflussnahme auf ein Medium, das sich bei aller Loyalität bislang seine auch kritische Stimme bewahrte? Gleichwohl das Erzbistum den Verdacht eines stärkeren Zugriffs aufs journalistische Angebot auszuräumen versucht, nimmt der langjährige und renommierte Chefredakteur Ingo Brüggenjürgen (62) daraufhin seinen Hut und wechselt in den vorzeitigen Ruhestand. Auch die Theologin Petra Dierkes legt ihr Amt als Vorsitzende des übergeordneten Bildungswerks nieder. Die Diplomtheologin Dierkes sollte ein Paradebeispiel fürs neue Erzbistum sein und war nur ein in Jahr nach Woelkis Amtsantritt zur ersten Frau in der Leitung der Seelsorgeabteilung berufen worden. Kürzlich gab die 60-Jährige bekannt, auch diesen hohen Job im Generalvikariat aufzugeben.

Es rumort an vielen Ecken und Enden; von fehlender Mitbestimmung ist die Rede, auch von einer Beratungsresistenz in der Bistumsspitze. Menschen aus dem näheren Umfeld des Erzbischofs glauben, dass die Auszeit bei Woelki Spuren hinterlassen und ihn die vorübergehende Übergabe der Bistumsleitung gekränkt habe. Lähmung statt Aufbruch scheint vielerorts die Stimmung im großen Erzbistum zu sein. Mit Messdienern, die im Gottesdienst dem Erzbischof den Rücken zukehren, mit Gläubigen, die dem Kardinal beim Besuch ihrer Gemeinde rote Karten vors Gesicht halten, mit Kirchenchormitgliedern, die ihr Mitwirken am Gottesdienst unter Woelki verweigern.

 Der Kölner Erzbischof im Dom während der Aschermittwochsmesse: Rainer Maria Kardinal Woelki.

Der Kölner Erzbischof im Dom während der Aschermittwochsmesse: Rainer Maria Kardinal Woelki.

Foto: dpa/Oliver Berg

Aus diesem Dilemma sich von Gerichten Lösungen zu erhoffen, ist das Gegenteil von dem, was eine Gemeinschaft ausmacht. Und so ist es der 72-jährige Sozialpfarrer Franz Meurer, der mit seinem neuen Buch den Kommentar pünktlich zum Jubiläum von Erzbischof Woelki beisteuert: „Er will das Beste, macht aber das Falsche. Er will recht behalten, auch wenn das Vertrauen in die Kirche verdunstet.“