Weißer Sonntag: So war die Erstkommunion in Neuss vor 70 Jahren

Kirchenfeiern am Sonntag : Erstkommunion im Tanzsaal - eine Neusserin erinnert sich

Am Weißen Sonntag feiern viele tausend katholische Kinder ihre Heilige Erstkommunion. Für Edith Tillmann liegt dieses Ereignis bereits 70 Jahre zurück. Bis heute denkt die Neusserin gerne an diesen besonderen Tag.

In weißen Wildlederschuhen, die vorne drückten, ging Edith Tillmann zur Erstkommunion. Dazu passend trug sie ein weißes Kleid und weiße Strumpfhosen. Gemeinsam mit etwa 100 Kindern nahm sie am Weißen Sonntag vor 70 Jahren das erste Mal am Abendmahl teil. Der Gottesdienst zu ihrer Erstkommunion begann mit dem Einzug, erinnert sich Tillmann, darauf folgten der Wortgottesdienst und die Eucharistiefeier. Das war im Jahr 1949. Viel geändert hat sich an der Heiligen Erstkommunion, wie sie in der katholischen Kirche gefeiert wird, in den vergangenen 70 Jahren nicht. Im Anschluss an den Gottesdienst wird auch heute mit der Familie, Paten und Freunden gefeiert, mit einem Mittagessen und Kuchen. Dann darf das Kommunionskind seine Geschenke auspacken.

„Ich habe ein Kleid zur Erstkommunion geschenkt bekommen, das mir viel zu groß war“, erinnert sich die heute 80-jährige Tillmann. Das sei die Zeit damals gewesen, sagt sie. Der Zweite Weltkrieg war zwar vorbei, aber die Spuren noch allerorten sichtbar. „Die Menschen hatten damals wenig. Nach dem Krieg war zwar die Währungsreform da und es gab viel zu kaufen, aber die Menschen hatten kein Geld“, blickt die Neusserin zurück. „Trotzdem war es ein besonderer Tag, das haben wir Kinder gespürt.“

So auch im Neusser Ortsteil Holzheim, wo Tillmann aufwuchs und bis heute gemeinsam mit ihrem Mann lebt. Niemand hatte etwas, darum konnte keiner viel geben. Die Vorbereitungen für die Erstkommunion des Kindes begannen bereits ein Jahr vorher. Früchte und Gemüse wurden eingekocht, damit am Tag der Feier genug Essen auf dem Tisch stand. Meist blieb man im engsten Familienkreis mit den Paten, für ein großes Fest war kein Geld da.

„Wir haben außerdem in einer Notkirche gefeiert“, erzählt Tillmann. Der Gottesdienst fand in diesem Jahr in einem Tanzsaal statt. Die Kirche St. Martinus war wenige Jahre zuvor bombardiert worden. Der Turm blieb zwar stehen, doch das Kirchenschiff wurde vollständig zerstört. Ihr Jahrgang war der letzte, der im Tanzsaal an der Heiligen Erstkommunion teilnahm. Kurz darauf war die Kirche wieder aufgebaut, und im Tanzsaal wurde wieder getanzt.

„Ein außergewöhnlicher Tag“ sei es dennoch gewesen, sagt sie. An den sie sich gerne erinnert, und von dem sie auch noch Fotos hat. Auf einem Bild ist sie als Zehnjährige am Tag ihrer Erstkommunion zu sehen. Im Kleid mit langen Ärmeln und festlicher Schleife und mit gelocktem Haar steht sie vor ihrem Elternhaus. Die Haustür ist mit einem Palmkranz geschmückt, in dem weiße Rosen stecken. Wenn sie sich das Bild anschaut, erinnert sie sich daran, wie ihre Mutter am Vorabend ihre Haare mit Zuckerwasser auf Lockenwickler aufdrehte, damit sie sich schön lockten, und dass währenddessen die Kirchenglocken ein besonderes Lied spielten. „Hör mal“, sagte Edith Tillmanns Mutter zu ihr, „die beiern nur, weil du morgen Erstkommunion feierst.“ Denn statt des üblichen Geläuts schlug der Holzheimer Tambourkorps die Glocken manuell: Die Klöppel wurden über Seilzüge per Hand oder Fuß gegen die Glocken geschlagen – das passiert bis heute nur zu besonderen Anlässen und wird „beiern“ genannt. Und Tillmann denkt daran, dass ihr auf der Feier im Familienkreis ein wenig langweilig war, weil keine anderen Kinder da waren.

Und noch jemand fehlte ihr an diesem Tag: ihr Vater. Der war erst 1948 aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt. „Eigentlich wäre ich auch bereits in diesem Jahr zur Erstkommunion gegangen“, sagt Tillmann. Doch nachdem der Vater schwer krank zurückkehrte, sollte er sich zunächst erholen, um an der Erstkommunionfeier seiner Tochter teilnehmen zu können. Doch er starb wenige Monate nach seiner Rückkehr. „Das musste ich erst einmal verkraften“, sagt die 80-Jährige.

Für Edith Tillmann war die Kommunion ein wichtiges Ereignis in ihrem Leben, auch heute besucht sie noch regelmäßig Gottesdienste. „Jeder braucht einen Halt, das ist mein Glaube. Nicht jeder glaubt an Gott, aber jeder glaubt an irgendetwas“, ist sie überzeugt.

Am 12. Mai feiert Tillmann deshalb ihre 70-jährige Jubelkommunion in der Kirche St. Martinus in Holzheim, gemeinsam mit anderen Jubilaren, deren Kommunion 50, 60 oder 70 Jahre zurückliegt. Und nach dem Kaffee geht es gemeinsam mit den diesjährigen Erstkommunionkindern in die Kirche – zum Generationenaustausch. Edith Tillmann hat bereits vor zehn Jahren an einem solchen Fest teilgenommen. Es sei immer ein „schöner Rückblick“, sagt sie. Und nach vorne blickt sie auch: „Ich hoffe, dass ich in zehn Jahren wieder dabei bin.“

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