Vor EKD-Synode in Dresden: Evangelische Defizite

Vor EKD-Synode in Dresden : Evangelische Defizite

Analyse Die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland kommt in Dresden zusammen – in einer Krisenzeit. Ermutigende Ideen für eine Kirche der Zukunft gibt es. Aber die Kommunikation muss dringend besser werden.

Unsere Kirche wird sich drastisch verändern“, sagt Irmgard Schwaetzer. „Sie wird nicht mehr so aussehen und wird nicht mehr in den Strukturen arbeiten, in denen sie es heute tut.“ Die frühere Bauministerin im Kabinett von Helmut Kohl ist Vorsitzende, oder wie es auf Latein heißt: Präses, der Synode der EKD, die am Sonntag zu ihrer Tagung in Dresden zusammenkommt.

Und auf Schwaetzer und die 120 Delegierten aus den 20 evangelischen Landeskirchen, die zusammen mit den in der Kirchenkonferenz versammelten leitenden Geistlichen und Juristen über die Zukunft der Evangelischen Kirche in Deutschland beraten wollen, warten große Herausforderungen. Erst im Sommer hatte eine Studie, die Freiburger Forscher um den Wirtschaftswissenschaftler Bernd Raffelhüschen erstellt hatten, den Kirchen harte Zeiten prognostiziert. Bis 2060 sollen sie rund die Hälfte ihrer Mitglieder verlieren. „Innerhalb der nächsten zehn Jahre wird der erste drastische Rückgang zu verzeichnen sein“, sagt Schwaetzer. „Wir rechnen mit 30 Prozent weniger Einnahmen 2030.“

Für die Präses der Synode sind die Konsequenzen klar: „Es muss überlegt werden, in wieweit ein weiteres Zusammengehen von Landeskirchen und EKD in der Zukunft angebracht sein könnte“, sagte sie am Montag vor Journalisten in Berlin. „Wir können die Kirche der Zukunft nicht mehr so denken, dass wir das, was wir künftig machen, genauso machen wie heute, nur kleiner. Es geht darum, Relevanz und Resonanz unserer Formate weiterzudenken.“

Ein „weiter wie bisher“ geht also nicht mehr. Das wissen auch die leitenden Geistlichen. Und vor allem von jenen, die in letzter Zeit neu in ihr Amt gekommen sind, hört man auch erfrischend positive Antworten auf die Krise, in der sich die evangelische Kirche derzeit befindet. Die agile Landesbischöfin der Nordkirche, Kristina Kühnbaum-Schmidt, die gern über hybride Gemeinschaften spricht – etwa den Kirchenchor, in dem Getaufte und Ungetaufte Seit an Seit singen. Der Greifswalder Sprengelbischof Tilman Jeremias, der vor einer inneren Krise des Glaubens und der Theologie warnt und die Kirche zu einer Rückbesinnung auf die eigenen Kernthemen auffordert. Und der designierte Berliner Landesbischof Christian Stäblein: Er will vor allem auf die 18- bis 35-Jährigen im Bereich seiner Landeskirche zugehen.

Er setzt sich dafür ein, dass der alte Supertanker Kirche wie ein kleines Schnellboot flexibel auf die Herausforderungen der Zeit reagiert: Wer sich nicht ewig an die Kirche binden will, könnte seine Mitgliedschaft in der Institution vielleicht auch einmal ruhen lassen – die Taufe hält ja ohnehin für ein ganzes Leben, lautet einer der Gedanken, den Stäblein vor seiner Landessynode in Berlin kürzlich äußerte. Und in besonderen Ausnahmefällen, etwa bei der Goldenen Hochzeit eines Familienmitglieds, könnte das Abendmahl doch auch an Menschen ausgeteilt werden, die zwar getauft, aber aus der Kirche ausgetreten sind. Wer einen neuen Aufbruch will, muss über flexible Formen diskutieren können, lautet Stäbleins Botschaft.

Freilich muss die Kirche auch in der Lage sein, ihre Botschaft zu kommunizieren. Der Evangelischen Kirche in Deutschland und ihrem Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm mangelt es zuweilen daran. Ein Beispiel ist die auf dem Kirchentag in Dortmund entstandene Idee, ein Rettungsschiff ins Mittelmeer zu schicken. Bedford-Strohm preschte immer wieder damit öffentlich vor, und ja: Auf den ersten Blick landete er damit einen medialen Treffer. Doch spätestens als der Berliner Bischof Markus Dröge kürzlich ankündigte, dass das Schiff an die Organisation „Sea-Watch“ übergeben werden soll, und deutlich wurde, dass die Kirche vor allem das Spendensammeln betreiben wird, mehrten sich auch Zweifel: Kollidiert das nicht vielleicht zu sehr mit dem Hilfswerk „Brot für die Welt“? Was passiert, wenn an Weihnachten alle nur für das Rettungsschiff sammeln? Ist es immer gut, dass der Ratsvorsitzende in einer solchen Art vorneweg geht? Wird die Kirche nicht eigentlich kollegial geleitet?

Die Kirche muss auf die Botschaften achten, die ihre Vertreter an der Basis, aber auch in den Leitungsämtern nach außen tragen. Das macht sich schon am Tagungsort der EKD-Synode, Dresden, fest: Immerhin war der sächsische Landesbischof Carsten Rentzing erst vor wenigen Tagen wegen rechtsradikaler Texte aus seiner Studentenzeit und der eigenen Unfähigkeit zurückgetreten, mit seiner Vergangenheit angemessen umzugehen. Und auch wenn das Schwerpunktthema der Synode „Auf dem Weg zu einer Kirche der Gerechtigkeit und des Friedens“ lautet: Von innerem Frieden ist die sächsische Landeskirche derzeit weit entfernt. Es bleibt zu hoffen, dass es den deutschen Protestanten gelingt, die nötigen Grenzziehungen deutlich werden zu lassen – und auf ihrer Synode eine klare Abgrenzung zum rechtspopulistischen und rechtsradikalen Raum vorzunehmen.

Und dann ist da noch das Missbrauchsthema. In der evangelischen Kirche hat es längst nicht die Bedeutung, die es bei den Katholiken hat – bundesweit sind derzeit rund 700 Fälle bekannt. Doch die Debatten darum werden die Synode begleiten. Denn im Unterschied zur katholischen Kirche setzen die Protestanten weiter auf Anerkennungsleistungen statt auf Entschädigungen. Wenn die engagierte Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs am Dienstagvormittag zusammen mit Opfervertretern und dem Unabhängigen Bevollmächtigten der Bundesregierung Bericht zum Stand der Missbrauchsaufarbeitung erstattet, wird es deswegen wohl eine lebendige Diskussion geben. Leichter jedenfalls werden die Zeiten für die Evangelische Kirche in nächster Zeit eher nicht.

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