1. Panorama
  2. Religion

Thich Nhat Hanh gestorben: Millionen trauern um buddhistischen Mönch und Zen-Meister

Wofür er stand : Millionen trauern um buddhistischen Mönch und Zen-Meister Thich Nhat Hanh

Der bekannte Zen-Meister und Friedensaktivist Thich Nhat Hanh ist tot. Der buddhistische Mönch starb am Samstag im Alter von 95 Jahren im Tu-Hieu-Tempel in der vietnamesischen Stadt Hue. Die Anteilnahme ist weltweit riesig.

Seine Schüler nennen ihn schlicht „Thay“: Lehrer. Der buddhistische Mönch und Zen-Meister Thich Nhat Hanh hat Millionen Menschen in aller Welt mit seiner behutsamen Lehre von einem Leben in völliger Achtsamkeit inspiriert. Er war aber auch politisch engagiert. Vehement setzte er sich in den 1960er Jahren für ein Ende des Vietnamkrieges ein. In Chicago traf er den Bürgerrechtler Martin Luther King Jr., der den Mönch später als „Apostel des Friedens und der Gewaltfreiheit“ würdigte. Jetzt ist Thich Nhat Hanh, der in seinem langen Leben mehr als 100 Bücher verfasst hat, im Alter von 95 Jahren in seiner Heimat gestorben.

„Thay hat sich friedlich in eine Wolke verwandelt“, zitierte seine Organisation Plum Village Schwester Dinh Ngiem, die sich in Hue in Vietnam um ihn kümmerte. Er sei um Mitternacht (Ortszeit) gestorben.

Kings Bewunderung für den Vietnamesen ging so weit, dass er diesen in einem Brief für den Friedensnobelpreis 1967 vorschlug. „Ich kenne persönlich niemanden, der (des Preises) würdiger ist als dieser sanfte Mönch aus Vietnam. Seine Ideen für den Frieden würden, wenn man sie umsetzte, ein Monument der Ökumene, der weltweiten Geschwisterlichkeit und Menschlichkeit errichten“, hieß es in dem Schreiben. Aber dazu sollte es nicht kommen: Sowohl 1966 als auch 1967 wurde die renommierte Auszeichnung letztlich nicht vergeben.

Die Tochter des Bürgerrechtlers, Bernice King, schrieb am Samstag auf Twitter: „Ich feiere und ehre das Leben und den globalen Einfluss für den Frieden Thich Nhat Hanhs.“ Dazu stellte sie ein berühmtes Foto, das ihren Vater zusammen mit dem Mönch bei einer Pressekonferenz in Chicago im Jahr 1966 zeigt.

 Thich Nhat Hanh am 31. Mai 1966 neben Martin Luther King Jr. bei einer Pressekonferenz zum Vietnamkrieg.
Thich Nhat Hanh am 31. Mai 1966 neben Martin Luther King Jr. bei einer Pressekonferenz zum Vietnamkrieg. Foto: AP/Edward Kitch

Thich Nhat Hanh hatte sich derweil auch bei Papst Paul VI. und amerikanischen Spitzenpolitikern für ein Ende der Kriegshandlungen stark gemacht und viel Eindruck hinterlassen. Vietnam erklärte ihn Ende der 1960er Jahre aber zur unerwünschten Person. Seine Bücher wurden verboten, der berühmte Intellektuelle musste im Exil bleiben - fast vier Jahrzehnte lang. Erst 2005 kehrte er erstmals wieder in das Land am Mekong zurück, in dem er im Alter von 16 Jahren in ein Kloster eingetreten und sieben Jahre später zum Mönch geweiht worden war. Sein Leben lang sollte er sich für gewaltfreie Konfliktlösungen einsetzen.

Während des Exils hatte er viel Zeit in Frankreich verbracht, wo er 1982 in der Nähe von Bordeaux das berühmte „Plum Village“, ein buddhistisches Meditationszentrum, gründete. Tausende Menschen aus allen Teilen der Welt nehmen seither jährlich an den Retreats in dem Zentrum teil. In Deutschland rief Thich Nhat Hanh 2008 das „Europäische Institut für Angewandten Buddhismus“ (EIAB) in Waldbröl ins Leben. Seine Vorträge in Europa und den USA zogen unzählige Anhänger an.

  • Der vietnamesische Mönch Thich Nhat Hanh
    Nach Tod von Thich Nhat Hanh : Buddhisten im Oberbergischen wollen Werk ihres Lehrers fortsetzen
  • Tutty Tran war im Kaarster Albert-Einstein-Forum
    Kabarett in Kaarst : Tutty Tran – Comedy-„Rampensau“ aus Vietnam
  • Die 39 Leichen waren am 23.
    Zwei Jahre nach Tod von Vietnamesen in Lkw : 24 Angeklagte in Belgien wegen Menschenhandel vor Gericht

Die Kunst der Präsenz, Mitgefühl für alles Lebende und ein glückliches Leben im gegenwärtigen Augenblick waren seine Themen, über die er mit sanfter Stimme und verschmitztem Lächeln dozierte. Wenn Thich Nhat Hanh aß, dann aß er, wenn er trank, dann trank er, wenn er ging, dann ging er. Achtsam, in jedem Augenblick, fokussiert auf das Jetzt und auf das Sein im Moment. So einfach. Und doch so kompliziert, wie viele seiner Schüler wissen.

Die „New York Times“ beschrieb ihn einmal als „kleinen, schlanken Mann, der eine Aura der Stille und einen Fokus besitzt, die Aufmerksamkeit erregen.“ Seine Botschaft sei dabei stets extrem klar und deutlich formuliert, so die Zeitung. Praxisnah erläuterte Thich Nhat Hanh, wie ein glückliches Leben gelingen kann, setzte sich aber gleichzeitig mit der Tatsache des menschlichen Leidens und Gefühlen wie Wut und Angst auseinander.

Gerne zog er Lotusblumen zum Vergleich heran: „Wir bemühen uns, Leid in Gutes zu verwandeln. Auch die Lotusblume braucht Schlamm, um zu gedeihen. Sie wächst nicht auf Marmor“, betonte er. „Sie müssen erkennen, dass es eine enge Verbindung zwischen Leid und Glück gibt. Wer vor dem Leid wegläuft, kann kein Glück finden.“

2017 kam eine gefeierte Dokumentation mit dem Titel „Walk with me“ über Thich Nhat Hanhs friedliche Welt der Achtsamkeit heraus. Als Erzähler fungierte der britische Schauspieler Benedict Cumberbatch („12 Years a Slave“). Die Filmemacher hatten die Gemeinschaft des Mönchs zuvor mehrere Jahre lang begleitet.

Rund 30 seiner in zahlreiche Sprachen übersetzten Werke sind auch auf Deutsch erschienen. „Ob dies ein glücklicher Moment ist, hängt nicht vom Moment ab, sondern von unserer Sichtweise“, heißt es da etwa. Und: „Ich wache auf und lächle. Vierundzwanzig neue Stunden liegen vor mir. Ich gelobe, jeden Augenblick ganz bewusst zu leben und alle Wesen mit den Augen des Mitgefühls zu betrachten.“ Thich Nhat Hanh plädierte für einen „engagierten Buddhismus“: Meditative Erfahrungen sollen dieser Lehre zufolge mit einem aktiven Einsatz für die Umwelt, die Mitmenschen und alle Wesen verbunden werden.

Nachdem Thich Nhat Hanh 2014 einen Schlaganfall erlitten hatte, zog er sich weitgehend zurück. Ende 2018 kehrte er nach Vietnam zurück. Seinen Schülern teilte er mit, er wolle im Kloster Tu Hieu in der zentralvietnamesischen Stadt Hue bleiben, wo er einst zum Mönch ordiniert worden war, „bis zu dem Tage, an dem sich dieser Körper in seine Bestandteile auflöst“. In einem Gedicht schrieb er einst: „Dieser Körper bin nicht ich, ich bin nicht an diesen Körper gebunden, ich bin Leben ohne Grenzen. (...) Lächle mir also zu, nimm meine Hand, und winke mir zum Abschied zu.“

Die buddhistische Gemeinschaft in Deutschland will das Werk von Thich Nhat Hanh fortsetzen. „Wir sind stabil und gefestigt, geben seine Lehren und seine Botschaft weiter und tun unser Bestes, um sein Erbe fortzuführen“, sagte der Mönch Thay Phap An der Deutschen Presse-Agentur. Er leitet das Europäische Institut für Angewandten Buddhismus (EIAB) in Waldbröl bei Köln, das der weltbekannte Zen-Meister und Friedensaktivist Thich Nhat Hanh 2008 ins Leben gerufen hatte.

Viele Tausend Besucher aus 35 europäischen Ländern haben dort seitdem in der klösterlichen Gemeinschaft im Oberbergischen an Kursen teilgenommen. Sie meditieren, sammeln Energie und stärken ihre innere Balance nach der Achtsamkeitslehre von Thich Nhat Hanh, schilderte der EIAB-Studienleiter.

Seit seinem Schlaganfall 2014 habe „Thay“ seine Schüler weltweit vorbereitet auf eine Zeit ohne ihn und sie bei diesem Übergang geleitet, betonte der Mönch. „Als Thay das EIAB gründete, wusste er bereits, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt. Unsere Gemeinschaft wird seine Vision in die Zukunft tragen.“

„Thay“ werde auch für sein Engagement für Frieden und seinen sozialen Einsatz weltweit verehrt. „Thay ist auch in Gefängnisse gegangen, um den Menschen dort zu helfen. Er hat schon seit den 1970er Jahren gemahnt, unsere Umwelt zu schützen“, sagte Bruder Phap An. Für alle diese Bereiche sei sein Tod ein großer Verlust. Die Verantwortung erfahrener Mönche und Nonnen für die klösterlichen Gemeinschaften werde wachsen.

Die Nonne Song Nghiem sagte: „Es tut sehr weh und ist sehr traurig. Aber ich bin auch zuversichtlich. Thay konnte uns schon seit 2014 nicht mehr besuchen und trotzdem sind die Menschen zu uns gekommen und haben sehr viel Vertrauen in uns gesetzt, dass wir seine Lehre vertreten können.“ Die Kursteilnehmerzahl sei gewachsen und steige nach Corona-Pause nun unter Pandemie-Auflagen erneut an. „Die Kinder, Glück und Harmonie in der Familie lagen unserem Lehrer immer sehr am Herzen.“ Diesen Fokus wolle man auch im EIAB pflegen.

Man stärke sich seit der Todesnachricht untereinander in Meditation. Es werde auch eine Trauerzeremonie in deutscher und englischer Sprache geben.

Der Tod von Thich Nhat Hanh ist aus Sicht des Religionswissenschaftlers Perry Schmidt-Leukel „nicht nur ein Verlust für den Buddhismus, sondern für die Menschheit.“ Der Zen-Meister sei neben dem Dalai Lama „einer der bedeutsamsten Vermittler buddhistischer Spiritualität im Westen“, sagte der Experte von der Uni Münster der Deutschen Presse-Agentur. „Man kann ihn als einen christlichen Buddhisten bezeichnen.“

Die Bücher und Thesen von Nhat Hanh schlagen sich Schmidt-Leukel zufolge auch deutlich in Deutschland nieder. Viele seiner mehr als siebzig englischsprachigen Bücher seien ins Deutsche übersetzt worden. Darin gebe er alltagstaugliche Empfehlungen zu Achtsamkeitsübungen. „Auch in Deutschland empfinden viele Menschen den Buddhismus, den Nhat Hanh lehrt, als eine im Alltag anwendbare Lebenshilfe.“

Zahlreiche Christen und Juden seien inzwischen vom Buddhismus inspiriert, ebenso viele Menschen ohne feste religiöse Bindung, die sich aber selbst als spirituell oder religiös empfänden. Der Buddhismus übe auch auf viele Intellektuelle einen besonderen Reiz aus. Laut Deutscher Buddhistischer Union gibt es bundesweit geschätzte etwa 130.000 deutsche und 120.000 asiatische Buddhisten. Aber: „Der Buddhismus ist in Deutschland einflussreicher als es die Zahl der registrierten Buddhisten widerspiegelt“, erläuterte Schmidt-Leukel.

Nhat Hanh sei auch ein „glaubwürdiger Friedensstifter“ gewesen und interreligiös aufgeschlossen. „Er lehnte das Christentum nicht ab, sondern würdigte es aus buddhistischer Sicht.“ Mehrfach habe er die Bedeutung von Christen und von Jesus Christus für sein eigenes Leben hervorgehoben, betonte der Professor für interkulturelle Theologie. Damit habe er „interessante Brücken“ geschlagen.

(hebu/dpa)