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Stuttgarter Katholikentag im Zeichen der Kirchenkrise

Nur 19.000 Dauerteilnehmer kommen nach Stuttgart : Ein Katholikentag im Zeichen der Krise

Der 102. Deutsche Katholikentag feiert in Stuttgart seine Eröffnung unter freiem Himmel. Zwischen Hoffnung und Zuversicht mischen sich auch Zweifel – und Kritik an Bischof Georg Bätzing.

Noch hat der 102. Katholikentag in Stuttgart gar nicht begonnen, da gibt es erste unfrohe Botschaften. So wurde bekannt, dass Bischof Georg Bätzing einen Priester zum Bezirksdekan beförderte, wohl wissend, dass zwei Frauen Vorwürfe gegen den Geistlichen wegen sexueller Belästigung erhoben hatten. Zwar habe es eine Ermahnung gegeben, ließ Bätzing verlauten; auch seien die Vorwürfe aus den Jahren 2000 und 2006 vor der Beförderung nochmals geprüft worden. Und da es kein strafrelevantes Verhalten gewesen sei und der Priester zudem Reue gezeigt und sich entschuldigt habe, sei er zum Dekan ernannt worden.

Ein pflichtverletzendes Verhalten wird man Bätzing daher weder vorwerfen können noch dürfen, doch fragen sich viele, ob darin nicht auch ein Mangel an Sensibilität ausgerechnet des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz sichtbar werde, der doch zu den Kirchenreformern hierzulande zählt und in Fragen der Missbrauchsaufklärung mit starken Worten in die Öffentlichkeit tritt. Über diese Nachricht zeigte sich Bischof Gebhard Fürst „perplex und überrascht“. Als Gastgeber des Katholikentags betonte er, dass er „so etwas in seiner Diözese niemals tun würde“. Und Irme Stetter-Karp, Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), betonte, dass Bischof Bätzing auf dem Katholikentag „zu einem möglichen Fehler Stellung nehmen muss“.

In Stuttgart ist vor dem Start des diesmal nicht ganz so großen, rund zehn Millionen teuren Katholikentreffens mit gerade einmal 19.000 Dauerteilnehmern auch von Leuten die Rede, die gar nicht da sind, die für immer fortbleiben oder sich unseren Blicken entziehen. So ist das Kölner Erzbistum mit keinem seiner Bischöfe im Programm mit 1500 Veranstaltungen vertreten. Kardinal Rainer Maria Woelki – der sich beim Katholikentag zuvor in Münster noch einer Debatte mit Eckart von Hirschhausen gestellt hatte – entschuldigte sich mit terminlichen Engpässen.

Ein anderer war in Stuttgart schon seit 124 Jahren da, ist jetzt aber kurzzeitig verschwunden. So wurde das überlebensgroße Reiter-Denkmal von Kaiser Wilhelm I. mit einem roten Tuch komplett verhüllt. Der Kaiser steht auf dem Karlsplatz, wo das „Zentrum Weltkirche“ Veranstaltungen der Hilfswerke plant. Ein Kaiser der Reichsgründung und des aufkommenden Nationalismus soll nach Meinung der Katholiken dazu aber nicht als Kulisse dienen. Das geht der Stuttgarter AfD-Landtagsfraktion gegen den Strich, die den Laien mit auf den Weg gab, doch das Wort Gottes zu verkünden und keine „Geschichtsklitterung“ zu betreiben. Das rote Tuch über das Reiterdenkmal erinnert unschwer an den Mantel des Heiligen Martin von Tours, der Patron der Diözese Rottenburg-Stuttgart ist und zu dessen Ehren auf dem Schlossplatz ein Mantel mit gut 240 Quadratmetern ausgelegt werden soll.

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Für immer verloren gegangen ist der katholischen Kirche hingegen kurz vor ihrem Treffen auch ein prominenter Würdenträger: Der 47-jährige Andreas Sturm, als Generalvikar immerhin der zweite Mann im Bistum Speyer, trat zurück mit der Ankündigung, künftig in der alt-katholischen Kirche priesterlich zu dienen. Seine Begründung: Er habe im Laufe der Jahre „Hoffnung und Zuversicht verloren, dass die römisch-katholische Kirche sich wirklich wandeln kann“. Für Mechthild Exner-Herforth von der Reformbewegung Maria 2.0 steht fest, dass das, was in den letzten Jahren passiert sei, sich lange in der Kirche angebahnt habe, „in der nicht die Menschen, sondern immer noch der Machterhalt in einer klerikalen Kirche an erster Stelle steht“.

Ob die Kirche noch zu retten ist, auch darum wird es bis einschließlich Sonntag hier in Stuttgart gehen. Vor dem Zweifel aber regiert erst einmal die Hoffnung – mit dem abendlichen Eröffnungsgottesdienst im Schlossgarten mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, bei herrlichem Sonnenschein. Ein bisschen Licht und Hoffnung inmitten der finsteren Wolken über deutschen Kirchturmspitzen.