Große Emotionen zu Pfingsten Hast du Feuer?

Meinung | Düsseldorf · Eines haben Kirche und Fußball, Politik und Popmusik gemeinsam: Ihre Akteure müssen begeistern können. Über eine Fähigkeit, die aufbauend, aber auch zerstörerisch sein kann.

Horst Thoren
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 Schaumkrone der Woge der Begeisterung: Nationalspieler Philipp Lahm, Lukas Podolski und Thomas Müller mit dem WM-Pokal 2014.

Schaumkrone der Woge der Begeisterung: Nationalspieler Philipp Lahm, Lukas Podolski und Thomas Müller mit dem WM-Pokal 2014.

Foto: dpa/Marcus Brandt

Die schönste Begeisterung ist die Liebe. Sich einem anderen Menschen ganz und gar zu öffnen, ein Teil von ihm oder ihr zu werden, in dieser Zweisamkeit Glückseligkeit zu empfinden. Das ist Emotion pur, setzt frei, was die Hirnforscher Glückshormone nennen. Das klingt wenig romantisch, beschreibt aber, dass Fühlen und Denken im Kopf stattfinden: Im Gehirn sitzt die Schaltzentrale der Begeisterung. Mit dieser Erkenntnis ist eine erste Enttäuschung verbunden. Liebe als biochemischen Prozess zu bezeichnen, törnt ab, kann aber zumindest Realisten helfen, den Kummer einer Trennung zu überstehen. Dabei ist Liebeskummer eine schmerzliche, fast schon existenzielle Erfahrung, die im Innersten trifft und das Selbstwertgefühl berührt. Wenn dagegen aus der Begeisterung Begierde erwächst, der Besitzanspruch übermächtig wird, sprechen Therapeuten von einer toxischen Beziehung, die alles zerstört und mit wahrer Liebe nichts gemein hat.

Jubel und Verachtung, Verehrung und Hass liegen nah beieinander. Aus Begeisterung kann Stärke erwachsen, aber auch zerstörerischer Fanatismus. Das Pfingstwunder zeigt, wie trotz Trauer und Verstörung eine alles bewegende Kraft entstehen kann. Davon können Fußballfans nur träumen. Sie sind, auch wenn sie lauthals singen, „nur“ Zuschauer. Das christliche Fest der Erkenntnis aber verlangt von den Gläubigen deutlich mehr: Sie sollen sich und anderen den Weg zu Gott bereiten.

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Foto: dpa/Michael Kappeler

Dieser missionarische Ansatz, vom Apostel Paulus in die damals bekannte Welt getragen, gründet auf der Vorstellung, der Heilige Geist sei zu Pfingsten wie Feuerzungen auf die Jünger herabgekommen und habe sie mit der Macht des Sprechens und der Überzeugung ausgestattet. Noch am selben Tag sollen 3000 Menschen zum Glauben gefunden haben. Manche aber zweifelten, hielten die Jünger für betrunken – „voll des süßen Weines“, wie es in der Bibel heißt. Die Jünger aber waren „Feuer und Flamme“, sie brannten förmlich für ihre Botschaft. Pfingsten gilt als Geburtsstunde der Kirche.

Auch ein Papst braucht das Pfingstwunder des Verstehens

Der Heilige Geist, so die christliche Überzeugung, birgt die Macht der Veränderung – der die krisengeschüttelten Kirchen dringend bedürfen. Die Frage steht im Raum, wie viel Veränderungswille gerade beim körperlich geschwächten Papst noch zu erwarten ist. Auch ein Papst braucht das Pfingstwunder des Verstehens.

Das haben Kirche und Politik, Sport und Kultur gemeinsam: Ihre Akteure, wollen sie denn wahrgenommen werden, müssen begeistern können. Das setzt Leistung voraus, bedarf aber vor allem der Fähigkeit, den Zugang zu den Menschen, ihrem Denken und Fühlen zu finden. Bundeskanzler Olaf Scholz fällt das besonders schwer. Dabei ist die Begeisterungsfähigkeit jedem gegeben, ist bei Kindern besonders ausgeprägt, führt dazu, dass 30 bis 50 Mal am Tag kleine Begeisterungsstürme über sie hinwegziehen, sie strahlen, jubeln, krakeelen lassen. Hirnforscher sehen darin eine frühkindliche Prägung, deren Wirkung ein Leben lang hält und freudiges Erleben möglich macht.

Die Gefahr aber liegt in der Verführung. Der Rattenfänger von Hameln, eine Märchengestalt mit tiefenpsychologischem Hintergrund, konnte die Kinder mit seiner Flöte aus der Stadt locken, weil er ihre Sehnsucht befriedigte. Rechtspopulisten machen das nicht anders. Sie nutzen Ängste und Sorgen aus, bieten vermeintlich einfache Lösungen. Joseph Goebbels, der wohl teuflischste Manipulator der NS-Diktatur, erzeugte mit seiner Sportpalast-Rede („Wollt ihr den totalen Krieg?“) jubelnde Zustimmung, weil er die Illusion schürte, der Opfergang aller bis in den Tod könne die Rettung bringen.

Gerald Hüther, Professor für Neurobiologie, schreibt dazu: „Verstehen lässt sich dieses sonderbare Phänomen nur, wenn man davon ausgeht, dass Begeisterung nicht immer vorteilhaft ist, dass unsere Begeisterungsfähigkeit von anderen ausgenutzt werden kann, um uns dazu zu bringen, etwas zu tun, was wir ohne diese Begeisterung nicht zu tun bereit wären.“

Fanatiker pervertieren, was Fans auszeichnet

So werden aus Fans allzu schnell Fanatiker, wird aus Begeisterung Fanatismus. Die Grenze ist fließend. Religiöse Fanatiker – darunter auch Christen – grenzen Andersdenkende aus, sehen die eigene Religion als das allein Seligmachende. Ihr Feindbild ist die offene, freiheitliche Gesellschaft. Wo der Eifer für Gott eine lebensfeindliche Ausprägung hat, so erklären es Theologen, erlischt jede Akzeptanz. Die Grenzüberschreitung liegt in körperlicher wie mentaler Gewalt. Das betrifft auch Hooligans im Fußballstadion und Chaoten bei Demos oder Festivals. Der Duden beschreibt Fanatismus als „blinde, hemmungslose Begeisterung“. Fanatiker pervertieren, was Fans auszeichnet: den Einsatz für etwas Gutes und Schönes, für eine Herzenssache, für die gern manches Opfer gebracht wird. Auch finanziell. Wer für Taylor Swift schwärmt und demnächst in Gelsenkirchen unbedingt dabei sein will, muss in seinen Traum investieren.

Das beste Beispiel für Begeisterung ist der Fußball. Deutschland kickt am Fernseher mit. Doch auch hier schwindet die Zustimmung. Das hat der DFB seit dem Hoch 2014 (Weltmeister!) erfahren. Mit jeder Niederlage der Nationalelf – Tiefpunkt war wohl das frühe Ausscheiden in Katar – gingen wichtige Imagepunkte verloren. Erst jüngst stieg das Stimmungsbarometer wieder. Wichtiger aber als Julian Nagelsmann und sein Team sind vielen die heimischen Vereine. 80 Prozent schwärmen für Köln oder Gladbach, Dortmund oder Bayern – unabhängig vom Tabellenstand. Meisterkusen spielt jetzt endlich auch in der Gunst vorne mit. Dabei ist die emotionale Bindung teils so bestimmend, dass die Dominanz kaum nachvollziehbar erscheint. Der Autor Christoph Biermann hat eines seiner Bücher mit einer Aussage eines Fußballfans überschrieben, der seiner Mutter sagte: „Wenn du am Spieltag beerdigt wirst, kann ich leider nicht kommen.“

Über zwei Millionen Menschen in Deutschland leiden darunter. Sie leben zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt. Sie sind manisch-depressiv. Diese bipolare Störung, schon von Goethe im „Egmont“ beschrieben, prägt das Gefühlsleben oft junger Menschen. Phasen der Begeisterung wechseln ab mit solchen der Depression. Doch nur die Hälfte sucht einen Arzt auf, schätzten Experten. Dabei sei diese Begeisterungsstörung nicht selten existenziell. Die Betroffenen setzten ungewollt ihre Existenz aufs Spiel, lebten zeitweise wie im Rausch.

Wahre Begeisterung, so schreibt Hüther, setze persönlichen Einsatz voraus: „Wenn einem etwas wirklich wichtig ist, dann strengt man sich auch an, um es zu erreichen. Wenn es dann tatsächlich klappt, ist man hellauf begeistert.“ Deshalb ist Liebe geprägt vom Bemühen um den anderen. Deshalb ist die schönste Form der Bestätigung, wenn ein Kind freudig strahlt und die Ärmchen ausstreckt, um geherzt zu werden. Darum ist die Pfingstbotschaft auch für Menschen wichtig, denen Gott fern und das christliche Glaubensverständnis fremd ist.

Die Jünger Jesu ließen sich begeistern. Dabei war der Weg dahin von Verrat und Tod begleitet. Sie sahen ihr Idol, ihren Messias, am Kreuz sterben. Erst Auferstehung und Himmelfahrt gaben neuen Mut. Der Impuls aber kam zu Pfingsten. Wer begeistert ist, ist mit Geist erfüllt. Schon der Kirchenvater Augustinus sagt: „Du kannst in anderen nur entzünden, was in dir selber brennt.“ Motivationstrainer raten deshalb: „Umgeben Sie sich mit begeisterten Menschen.“ Neurobiologe Hüther hat die biochemische Reaktion beschrieben: „Und immer dann, wenn man sich so richtig für etwas begeistert, wenn es einem unter die Haut geht und man etwas besonders gut hinbekommen hat, wird im Mittelhirn eine Gruppe von Nervenzellen erregt.“

Doch letztlich geht es um die innere Überzeugung, die im Kleinen wie im Großen, in den Konflikten des Miteinanders wie in Kriegen und Krisen dieser Welt, den Willen zu Frieden und Mitmenschlichkeit einfordert. Die Botschaft von Pfingsten braucht begeisterte Fürsprecher. Ein Schweizer Theologe hat es so definiert: „Ein Motivator ohne Liebe ist nur ein Manipulator.“ So kann nur Liebe helfen, die Spaltung der Gesellschaft zu überwinden und den Zusammenhalt zu stärken. Paulus schrieb: „Die Liebe ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“ Pfingsten heißt, sich selbst und sein Herz zu öffnen für Glaube, Liebe, Hoffnung. Deswegen ist am Ende die wichtigste Frage an jede und jeden: Hast du Feuer?

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