Meilenstein nach verheerendem Brand Ein Jahr bis zur Wiedereröffnung der Notre-Dame

Paris · Im April 2019 verursachte ein Brand schwere Schäden an der Pariser Kathedrale Notre-Dame. Seitdem ist hart und liebevoll daran gearbeitet worden, das berühmte Gotteshaus wiederherzustellen. Und nun gibt es Licht am Ende des Tunnels.

 Bauarbeiten zum Wiederaufbau der durch einen Großbrand beschädigten Kathedrale Notre-Dame.

Bauarbeiten zum Wiederaufbau der durch einen Großbrand beschädigten Kathedrale Notre-Dame.

Foto: dpa/Sabine Glaubitz

Als Flammen 2019 in der Kathedrale Notre-Dame wüteten, hatten die Menschen, die dort arbeiteten, das Gefühl, als hätten sie ihre Heimat verloren. Aber jetzt können sie praktisch anfangen, die Tage zu zählen, bis das weltberühmte Gotteshaus des römisch-katholischen Erzbistums Paris wieder öffnet, sie ihm sozusagen neues Leben einhauchen können. Und dieser Tag ist der 8. Dezember 2024, also in einem Jahr. Präsident Emmanuel Macron persönlich wurde am Freitag zu einem Besuch auf der abgezäunten Baustelle erwartet, wo Steinmetze, Tischler und Hunderte anderer Kunsthandwerker eifrig am werkeln sind, um zu gewährleisten, dass die 12-Monate-Frist bis zum Tag der Tage eingehalten wird.

Wenn ihre Arbeit geschafft ist, werden sie die Kathedrale den Priestern, Angestellten, Choristen und Gläubigen zurückgeben, denen sich der 15. April 2019, als der Brand ausbrach, tief eingeprägt hat. Es war ein Schmerz, der auch jenseits der katholischen Religionsgemeinschaft von vielen Menschen im Land und weltweit geteilt wurde.

Notre-Dame ist „nicht die größte Kathedrale und vielleicht auch nicht die schönste“, sagte Olivier Ribadeau Dumas, der Rektor, diese Woche der Nachrichtenagentur AP. „Aber sie ist die Verkörperung der Seele einer Nation.“ Und die Erwartungen und die Vorbereitungen auf die Wiedereröffnung seien „ein großartiges Zeichen der Hoffnung in einer schwierigen Welt“.

Notre-Dame: So beschädigt ist die Kathedrale in Paris von innen
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So beschädigt ist die Kathedrale von innen

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Foto: AFP/LUDOVIC MARIN

Henri Chalet, der Hauptchordirigent, hat schon ein Kribbeln im Bauch, wenn er an den großen Tag in einem Jahr denkt. Auf der einen Seite sage er sich, dass die Schließung nach dem Brand nur ein Kurzereignis in der mehr als 850-jährigen Geschichte der Kathedrale darstelle und er noch ein bisschen länger Geduld haben müsse. Aber unter dem Gesichtspunkt einer menschlichen Lebensdauer „sind fünf Jahre sehr lang“, sagt er, und „unglücklicherweise traf es innerhalb von 850 Jahren uns.“

Es sei klar, dass man ungeduldig darauf warte, zurückkehren zu können, so Chalet weiter. „Es ist wirklich unser Zuhause, in dem Sinne, dass wir dort jeden Abend zum Gottesdienst waren und auch jede Woche zu Konzerten. Jetzt haben wir wirklich das Gefühl, dass es Licht am Ende des Tunnels gibt – mit viel Freude, Begeisterung und ein bisschen Stress.“

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Foto: dpa/Oliver Berg

Die jüngsten Fortschritte auf der Baustelle sind bemerkenswert. Riesige Eichenbalken – zusammengefügt mit Hilfe von handwerklichen Techniken, die erstmals beim Bau der Kathedrale in mittelalterlichen Zeiten angewendet wurden – sind in die Höhe gehievt worden, um dem Gotteshaus ein neues Dach zu geben. Der Spitzturm ragt wieder gen Himmel, Stück für Stück wiederaufgebaut – hinter 600 Tonnen an Gerüsten. In das Holz des Turmes sollte während Macrons Visite der Name Jean-Louis Georgelin eingeritzt werden - zu Ehren des pensionierten französischen Generals, der das riesige Wiederaufbauprojekt geleitet hatte, bevor er im vergangenen August im Alter vor 74 Jahren starb.

Und wenn Ende Juli nächsten Jahres Besucher aus aller Welt zu den Olympischen Sommerspielen nach Paris kommen, dürften die Arbeiten am Spitzturm und Dach abgeschlossen sein und die Kathedrale damit von außen wieder komplett aussehen. Aber die Arbeiten im Innern werden weitergehen. Zu den Aufgaben in den letzten Monaten wird das Stimmen der mächtigen wertvollen Orgel mit ihren 8000 Pfeifen zählen. Frankreichs größtes Musikinstrument hatte das Feuer überlebt, aber musste völlig auseinandergenommen werden, um es von dem bleihaltigen Staub zu säubern, der beim Brand der Dachdecke erzeugt worden war.

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Foto: dpa/Thibault Camus

Manche Renovierungsarbeiten wird es auch noch nach der Wiedereröffnung geben. Aber schon rechtzeitig davor soll das eigene Personal der Kathedrale wieder aufgestockt werden, nachdem es wegen der Schließung auf sieben Beschäftigte zurückgefahren worden war. Dumas zufolge wird es im Laufe des nächsten Jahres wieder auf fast 50 Vollzeitmitarbeiter wachsen, um die 15 Millionen jährlichen Besucher und Gläubigen willkommen zu heißen, mit denen die Diözese Paris rechnet.

Adrielle Domerg war zehn Jahre alt, als sie Mitglied der Chöre von Notre-Dame wurde. Jetzt ist sie 17 und sagt, dass die Kathedrale für sie „fast eine Person“ sei. „Eine Menge von Leuten, von Träumen, von Gebeten haben sie geboren“, beschreibt es die Französin, die zuletzt Tage vor dem Feuer in dem Gotteshaus gesungen hatte und sich danach sehnt, es wieder tun zu können. „Es wird sehr emotional werden“, sagt sie voraus. „Die Kathedrale wird sozusagen wieder aufwachen.“

(albo/dpa)
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