Sexueller Missbrauch im Bistum Münster „Katholische Kirche ist eine Täterorganisation“

Münster · Eine neue Studie von unabhängigen Historikern belegt, dass im Bistum Münster seit Kriegsende mindestens 600 Jugendlichen von fast 200 Priestern sexualisierte Gewalt angetan wurde. Bischof Felix Genn will dazu am Freitag Stellung nehmen.

 Die Historiker Thomas Großbölting (l.) und Klaus Große Kracht sprechen bei der Pressekonferenz zur Vorstellung der Studienergebnisse zum Missbrauch im Bistum Münster.

Die Historiker Thomas Großbölting (l.) und Klaus Große Kracht sprechen bei der Pressekonferenz zur Vorstellung der Studienergebnisse zum Missbrauch im Bistum Münster.

Foto: dpa/Guido Kirchner

„Auch wenn euer Pastor/Kapi/Bei euch viel gemacht hat, so ist und/Bleibt er ein Kinderschänder!!!/Und ich bin ganz sicher nicht der einzige.“

Ein Gedicht ist es, das sich im Juni 2019 in der Gemeinde Bocholt-Barlo auf dem Grab des acht Jahre zuvor verstorbenen Pfarrer Theodor Wehren findet. 30 Jahre hatte Wehren in der Gemeinde gearbeitet. Doch was kaum einer bis dahin wusste: Der Priester war ein pädosexueller Missbrauchs- und Intensivtäter. Dies hatte ein Gericht schon 1976 festgestellt. In mindestens 17 Fällen soll er bis dahin minderjährige Kinder und in drei Fällen ihm anvertraute Schutzbefohlene sexuell missbraucht haben.

Was dieser monströsen Tatgeschichte dann folgt, macht sprachlos: Das Gericht verhängt eine Freiheitsstrafe auf Bewährung und gibt zu bedenken, dass eine Reihe von Taten weit zurückliege. Zudem gehe man davon aus, dass die Verurteilung Pfarrer Wehren derart beeindruckt habe, „dass er in Zukunft keine strafbare Handlungen der festgestellten Art mehr begehen werde“. Ein fataler Fehlschluss.

Und die Kirche? Sie bleibt an der Seite des Täters. Der damalige Personalchef des Bistums Münster schreibt Wehren, dass dieser davon ausgehen kann, „dass wir in diesen Tagen mit Ihnen fühlen und uns mühen, Ihnen zu helfen“. Ein Therapeut wird empfohlen mit dem Hinweis, dass schon erste Gespräche, „den inneren Druck, unter dem Sie jetzt stehen, zum Teil zu lindern vermögen“. Und die sogenannten „Betroffenen“, denen Kirche und geweihte Männer oft lebenslange psychische Schäden zugefügt haben bis hin zu Selbstmordgedanken? Fehlanzeige.

Das ist nur ein Fall von unerträglich vielen sexualisierten Gewalttaten im Bistum Münster, die Historiker der Universität Münster nach knapp dreijähriger Arbeit jetzt vorstellten. Sicher, es ist ein weiteres Dokument kirchlichen Leitungs- und Systemversagens mit einer neuen Liste von Tätern und schuldigen Bischöfen wie die verstorbenen Joseph Höffner, Heinrich Tenhumberg und Reinhard Lettmann sowie weiteren Personalverantwortlichen. Auch Bischof Felix Genn (72) wird für seine Zurückhaltung zumindest zu Beginn seiner Amtszeit gerügt sowie Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck (57), der 2008 als Diözesanadministrator kurze Zeit in Münster tätig war. Jedes andere Ergebnis wäre inzwischen – nach Gutachten etwa aus Köln, Aachen und München – auch überraschend.

Einige Zahlen von vielen: Nach der „Hellfeldstudie“, das sind die belegten Fälle, konnten für den Untersuchungszeitraum von 1945 bis 2018 etwa 610 Betroffene und 196 Priestertäter ermittelt werden. Das ist schon ein Drittel mehr als in der großen „MHG“-Studie von 2018. Im sogenannten Dunkelfeld gehen die Forscher aber von 6000 Betroffenen aus. Zwei Drittel dürften männlichen Geschlechts sein, die meisten waren zwischen zehn und 14 Jahre alt. Und auch das spiegelt das System Kirche wider: dass nämlich die Hälfte aller Betroffenen eine sehr enge Kirchenbindung hatten. Als Messdiener oder in der Jugendarbeit. Dabei nutzten die Täter in zehn Prozent der belegten Fälle eine seelsorgliche Situation zur „Anbahnung“ wie den Empfang des Bußsakraments. Die Kinder wurden also missbraucht, weil sie katholisch waren.

Und dennoch ist die Münsteraner Untersuchung ein Meilenstein, vielleicht sogar ein Wendepunkt zumindest in der Art und Weise der Aufklärung. Denn es waren keine Juristen, die die Personalakten auswerteten. Diesmal hatte sich ein fünfköpfiges Team aus Zeithistorikern und Anthropologen an die fast dreijährige Arbeit gemacht, das zudem völlig freien Zugang zu den Archiven und Akten des Bistums bekam und auch selbstständig darüber entschied, wann, was und wem etwas präsentiert wird.

So wurden am Tag vor der Publikation Ergebnisse erst einmal Betroffenen vorgestellt, gestern wurde die Studie ins Internet gestellt und zudem als Buch im Herder-Verlag herausgegeben. Am Abend konnten Bürger in der Aula des Schlosses die Ergebnisse kennenlernen, und zwischendurch wurde auch Bischof Genn ein Exemplar kurz überreicht, der es jetzt lesen und dazu am Freitag, 17. Juni, Stellung nehmen will – an einem neutralen Ort, wie es hieß.

Die Kirche ist also, salopp gesprochen, außen vor. Und sie muss es im Sinne einer freien Aufklärung auch sein. Zumal es den Forschern auch nicht bloß um Teilhabe von Betroffenen an der Untersuchung geht; vielmehr müsse die Kirche auf „Selbstermächtigung“ dieser Gruppe setzen. „Betroffene haben Ansprüche und Interessen, die mit denen der Täterinstitution Kirche inkompatibel sind und bleiben müssen“, schreibt der Historiker Großbölting in seinem zeitgleich erschienenen Buch „Die schuldigen Hirten“.

Am Ende bleibt Fassungslosigkeit zurück, wie Moral, Weihe und Seelsorge pervertiert wurden und Kirchenschutz zum Selbstzweck verkommen ist. Nach den Worten Großböltings geht es bei allen Vertuschungsversuchen nie um die Verteidigung von Glauben oder Kirche, sondern um die Ämter.

Die Historiker haben mit der Münsteraner Studie mehr als alle anderen Gutachten zuvor das System Kirche vehement in Frage gestellt und wenig Hoffnung auf Heilungskräfte von Innen gemacht. Weil streng hierarchisch aufgebaute Systeme wie die Kirche, so Großbölting, zum Lernen und zur Veränderung unfähig seien. „Die katholische Kirche ist eine Täterorganisation“, sagt er. Auch vor diesem Hintergrund sei die staatliche Zurückhaltung nicht angebracht: „Es ist längst an der Zeit, dass sich die Politik stärker in der Kirche engagiert.“