Missbrauch: Australischer Kardinal George Pell verhaftet

Verhaftung nach Kindesmissbrauch: Vatikan-Finanzchef drohen 50 Jahre Haft

George Pell war der drittwichtigste Mann im Vatikan und einer der engsten Berater des Papstes. Jetzt ist der australische Kardinal wegen Missbrauchs zweier 13-Jähriger verurteilt worden. Vor Gericht zeigt er keine Regung. Der Vatikan reagiert umgehend.

Nach seiner Verurteilung wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen ist der ehemalige Finanzchef des Vatikans, George Pell, verhaftet worden. Ein Gericht in Melbourne ordnete am Mittwoch an, dass der australische Kardinal in Haft genommen wird. Der Vorsitzende Richter Peter Kidd verzichtete darauf, dem 77-Jährigen wegen seines Alters oder seines Gesundheitszustands Haftverschonung zu gewähren.

Pell war von einem Gericht in Melbourne in erster Instanz für schuldig befunden worden, sich in den 1990er Jahren als Erzbischof an zwei 13-jährigen Jungen vergangen zu haben. Das Gericht muss nun noch das Strafmaß festlegen. Vermutlich geschieht dies Mitte März. Pell drohen insgesamt bis zu 50 Jahre Haft. Der Kardinal bestreitet alle Vorwürfe. Als Finanzchef war der Australier praktisch die Nummer drei des Vatikans. Pell gehörte auch zu den engsten Beratern des Papstes.

Als der auf eine Krücke angewiesene 77-Jährige die Anklagebank im Bezirksgericht des Staats Victoria in Begleitung dreier Beamter und eines Gefängniswärters verließ, zeigte er keine Regung. Nach dem Schuldspruch vom Dezember war er nicht in Gewahrsam genommen worden, weil er sich einer Knieoperation unterziehen musste.

Bei der Anhörung warf Richter Kidd dem Geistlichen nun vor, sich eines Vertrauensbruchs schuldig gemacht zu haben. Der Beschuldigte weise zudem Züge der Brutalität auf und habe in der Vergangenheit einen Nimbus der Straflosigkeit gehabt.

Pell wurde zur Last gelegt, 1996 in der Sakristei der St. Patrick's Kathedrale in Melbourne zwei damals 13-jährige Chorjungen missbraucht zu haben, nachdem er sie dabei erwischt hatte, wie sie den Messwein tranken. Pell war damals 55 Jahre alt und wenige Monate zuvor zum Erzbischof der zweitgrößten Stadt Australiens berufen worden. Die Geschworenen befanden Pell auch für schuldig, eines der mutmaßlichen Opfer mehr als einen Monat nach dem mutmaßlichen Übergriff in einem Korridor der Kathedrale bedrängt und dessen Penis gedrückt zu haben.

Details zum Strafverfahren blieben auch deshalb bis zuletzt unter Verschluss, weil Pell im April ein zweiter Prozess wegen mutmaßlicher Übergriffe auf zwei Jungen in einem Schwimmbecken in seiner Heimatstadt Ballarat in den späten 70er Jahren drohte. Damals war er noch einfacher Priester. Doch Staatsanwältin Fran Dalziel teilte dem Gericht am Dienstag mit, die Vorwürfe rund um Ballarat würden fallengelassen.

Pell hat stets seine Unschuld beteuert. Die Vorwürfe nannte er zu einem früheren Zeitpunkt ein „schändliches und widerwärtiges Verhalten“, das allem zuwiderlaufe, woran er glaube.

Die Entwicklungen im Fall Pell wurden kurz nach dem Abschluss des ersten Gipfels zum Thema Missbrauch im Vatikan bekannt, den Franziskus für vergangene Woche angesetzt hatte. Kirchenobere erörterten in Rom mehrere Tage lang Wege, wie Kinder vor pädophilen Priestern geschützt und der Missbrauch verhindert werden können. Vor diesem Hintergrund ist der Schuldspruch gegen den bisher ranghöchsten katholischen Geistlichen wegen Missbrauchsvorwürfen ein herber Schlag für die Kirche.

Der Vatikan hat Pell von seiner Aufgabe als Leiter des vatikanischen Wirtschaftssekretariates entbunden. Das teilte Vatikansprecher Alessandro Gisotti am späten Dienstagabend auf Twitter mit. Dass der Vatikan eine so wichtige Personalie auf Twitter kommuniziert, ist ungewöhnlich.

Die turnusmäßige Amtsdauer für vatikanische Leitungsämter beträgt fünf Jahre und muss dann vom Papst verlängert werden. Pell war im Februar 2014 von Franziskus zum Finanzchef berufen worden. Im Juni 2017 wurde er von der Leitung des Wirtschaftssekretariates beurlaubt, um sich in Australien vor Gericht zu verantworten. Nach seiner Verurteilung entließ ihn Franziskus aus seinem Beratergremium für die Kurienreform ("K9-Rat").

Wenige Tage nach dem Anti-Missbrauchsgipfel im Vatikan hob Richter Peter Kidd nun am Dienstag in Melbourne das totale Berichterstattungsverbot über den Prozess auf und bestätigte das Mitte Dezember einstimmig gefällte Jury-Urteil. Pell ist weltweit der ranghöchste katholische Würdenträger, der wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt und verurteilt wurde. Pells Verteidiger kündigten Berufung an.

Man werde das Ergebnis des Berufungsprozesses abwarten, erklärte Vatikansprecher Alessandro Gisotti am Dienstagvormittag. Bis es "definitive Fakten" gebe, seien dem Kardinal aber weiterhin die öffentliche Ausübung seines Amtes sowie jeglicher Kontakt mit Minderjährigen verboten. Gisotti bekräftigte, dass der Vatikan die australischen Gerichte achte, erinnerte aber zugleich daran, dass Pell stets seine Unschuld beteuert und ein Recht auf Verteidigung bis zur letzten Instanz habe.

(cpas/dpa/KNA)
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