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#liebegewinnt - Münchener Pfarrer segnet gleichgeschlechtliches Paar

Offener Widerstand gegen Vatikan : Münchener Pfarrer segnet gleichgeschlechtliches Paar

Das kategorische Nein des Vatikans zur Segnung homosexueller Partnerschaften hat ein massiven Aufschrei bei den Gläubigen ausgelöst. Jetzt rast eine gewaltige Protestwelle durch das Land. Und die erreicht vermutlich am Montag ihren vorläufigen Höhepunkt.

Eine Regenbogenflagge auf dem Altar, eine Sängerin, die „Somewhere over the rainbow“ singt - und glückliche, gesegnete Liebespaare. Erst waren es nur Worte, nun folgen Taten: In München sind in einem katholischen Gottesdienst ganz öffentlich gleichgeschlechtliche Paare gesegnet worden. Und das, obwohl der Vatikan kürzlich erst bekanntgeben hat, was er davon hält, homosexuelle Partnerschaften zu segnen: nichts. Was nun auf diese Absage folgt, ist also durchaus ein offener Affront, eine Demonstration des Ungehorsams, der doch als so ungehörig gilt bei Katholiken.

„Der Himmel war offen“, sagt der sichtlich gerührte Pfarrer Wolfgang Rothe nach dem gewissermaßen historischen Gottesdienst in der katholischen Kirche St. Benedikt. Er wolle „ein Zeichen setzen“. „Mein Anliegen ist, das aus den kirchlichen Hinterhöfen rauszuholen - dahin, wo es hingehört: mitten in das kirchliche Leben“, sagte Rothe. Auch die 48 Jahre alte Christine Waldner und ihre Partnerin Almut Münster sind von der Zeremonie gerührt: „Es war sehr bewegend.“ Und der 58-jährige Andreas Emil Schaaf, der mit seinem Mann Franz-Josef Herrmann zum Segnungsgottesdienst gekommen ist, sagt: „Je mehr Öffentlichkeit, desto besser“ und „heimlich war gestern“.

Der Würzburger Hochschulpfarrer Burkhard Hose hat schon direkt nach dem kategorischen Nein der vatikanischen Glaubenskongregation als Mitinitiator 2600 Unterschriften von Menschen aller pastoraler Berufsgruppen und aus allen Diözesen Deutschlands zusammengetragen, die damit zeigen wollen, dass sie das Segnungsverbot für falsch halten. Unter den Unterstützern waren Priester, Ordensleute, Theologen, Seelsorger sowie Gemeinde- und Pastoralreferenten. Mit ihrer Unterschrift erklärten sie sich bereit, weiterhin gleichgeschlechtlich liebende Paare segnen zu wollen.

Und genau das passiert nun: Unter dem Motto #liebegewinnt sind um den Hauptaktionstag am 10. Mai herum - eine Woche vor dem Internationalen Tag gegen Homophobie - Gottesdienste überall in Deutschland eingetragen. Gesegnet wird von Aachen bis Zornheim, von München über Würzburg, Frankfurt, Köln und Berlin bis Quakenbrück. Klare Schwerpunkte liegen im Norden und Westen. Nur vier geplante Segnungsgottesdienste gibt es offiziell in Bayern - drei in Würzburg, und den einen mit Pfarrer Rothe in München.

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Vielen Priestern sei das alles inzwischen einfach zu viel, sagt Hose. „Diese Kluft zwischen der alltäglichen Arbeit in der Seelsorge und dem, was aus Rom kommt an teilweise doch sehr überkommenen und überholten Vorstellungen, das löst Spannungen aus, die für viele immer unerträglicher werden“, meint er. Die Kirche habe zunehmend an Autorität und Glaubwürdigkeit verloren, Sexualität sei zum Thema der Macht und des Machtmissbrauchs geworden. Der Protest, der sich nun regt, sei „ein Ventil, das sich jetzt geöffnet hat“. Auch wenn es solche Segnungen im Geheimen lange schon gegeben habe - Segnen sei eine öffentliche Sache. „Und wir wollen raus aus den Hinterzimmern.“

Die Segnungsgottesdienste sind der vorläufige Höhepunkt einer Welle, die der Vatikan unter vielen Katholiken in Deutschland und inzwischen auch unter katholischen Priestern ausgelöst hat mit seinem Nein.

Ob diese Welle nun bricht oder weiter Fahrt aufnimmt, wird auch davon abhängen, wie die deutschen Bischöfe sich positionieren zu den Protestaktionen in ihren Diözesen. Der Chef der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, hält die Aktion „nicht für ein hilfreiches Zeichen und einen weiterführenden Weg“, wie er sagt. „Segnungsgottesdienste haben ihre eigene theologische Würde und pastorale Bedeutung. Sie sind nicht als Instrument für kirchenpolitische Manifestationen oder Protestaktionen geeignet.“

Konservative Katholiken rufen die Bischöfe beispielsweise in dem erzkonservativen Forum kath.net zu mehr Deutlichkeit auf, zu Konsequenzen. Sie fordern etwa die Exkommunikation derjenigen, die sich nicht an die klare Ansage aus Rom halten. Online kursieren Vordrucke, in die nur noch der Name des betreffenden Pfarrers eingesetzt und dem Bischof gemeldet werden muss.

Auch die Bewegung „Maria 1.0“, als konservative Gegenbewegung zu den feministischen Aktivistinnen von „Maria 2.0“ gegründet, fordert die Bischöfe auf, tätig zu werden. „Die geplanten Segnungsfeiern sind eine gezielte Provokation in Richtung von Papst Franziskus und sollten daher von den Priestern unterlassen werden“, sagt Clara Steinbrecher, seit Anfang des Monats Leiterin der Initiative. Die Einheit mit Rom müsse unbedingt gewahrt bleiben. Außerdem ruft „Maria 1.0“ „alle Katholiken und Menschen guten Willens“ dazu auf, an diesem 10. Mai den Rosenkranz zu beten.

Die Fülle der Veranstaltungen solle auch den einzelnen Priester, der sich in dieser Sache ausdrücklich gegen Rom stellt, schützen, betont Burkhard Hose, der auf Zurückhaltung der Bischöfe hofft. „Wer darauf mit disziplinarischen Maßnahmen reagiert, enttarnt sich.“

Es gab eine Zeit, in der ein Machtwort aus Rom Debatten beendete. Doch „Roma locuta, causa finita“ - das war einmal. Dass es überhaupt so weit gekommen ist, dass Priester sich ganz offen gegen Rom stellen, sieht Martin Kirschner, Professor für Theologie in Transformationsprozessen an der Katholischen Universität Eichstätt, als Beleg für eine Art Zeitenwende. Denn das entschiedene Nein des Vatikans zur Segnung homosexueller Partnerschaften hat die Diskussion darum nicht etwa erlöschen lassen, sondern in bislang nicht da gewesener Form angefacht.

„Es ist der Versuch, den Raum der Kirche zu besitzen und zu bestimmen, auch um offene Kommunikationsprozesse zu unterbinden“, sagt Kirschner. Und dieser Versuch sei ins Gegenteil umgeschlagen: „Jetzt kann man beobachten, wie eine solche Intervention das Gegenteil von dem erreicht, was sie angeblich bewirken will: Statt eine Debatte zu beenden, wird diese Debatte gerade losgetreten, und zwar mit voller Wucht“, betont er. „Ein Machtwort, das Teile der Wirklichkeit ausblendet und die Konflikte zu unterbinden sucht, untergräbt die eigene Autorität. Es macht das sichtbar, was aus der eigenen Position ausgeschlossen und verleugnet wird.“

(felt/dpa)