Irritationen in Jerusalem vor Klagemauer Begleitung der Bildungsministerin sollte Christen-Kreuz verdecken

Jerusalem · Aufregung in Jerusalem: Bei einem Besuch der deutschen Bildungsministerin an der Klagemauer hat eine Anweiserin den christlichen Begleiter der Ministerin gebeten, sein Kreuz zu verdecken, und damit für Empörung gesorgt.

 Ein Junge hält eine israelische Fahne, während sich Gläubige vor der Klagemauer versammeln (Symbolbild).

Ein Junge hält eine israelische Fahne, während sich Gläubige vor der Klagemauer versammeln (Symbolbild).

Foto: dpa/Ariel Schalit

In der sensiblen Jerusalemer Religionslandschaft hat am Mittwoch ein Video für Aufregung gesorgt, das ein „Spiegel“-Journalist auf Twitter teilte. Der Inhalt: Nikodemus Schnabel, Abt der deutschsprachigen Benediktiner auf dem Jerusalemer Zionsberg, wird von einer Mitarbeiterin der für die Klagemauer zuständigen Western Wall Heritage Foundation aufgefordert, sein Brustkreuz zu verdecken. Es sei „wirklich groß und unangemessen für diesen Ort“, sagt sie und beruft sich auf neue Regelungen für die jüdische Stätte. Berichtigter Hinweis oder Beleg für zunehmende antichristliche Tendenzen in der Stadt?

Die Sache sei banaler und damit skandalöser, als sie bei einigen angekommen sei, meint Schnabel. Gegenüber der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) schildert er das Geschehene aus seiner Sicht. Er habe Bettina Stark-Watzinger (FDP), Bundesministerin für Bildung und Forschung, am frühen Morgen durch die Altstadt geführt. Die letzten Meter - gegen 9 Uhr sollte die Tour enden - sei die Gruppe „in keiner Weise provokativ“ und etlicher Entfernung zur Klagemauer über den Vorplatz gegangen. Dort sei es zu besagter Aufforderung gekommen.

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„Der Platz vor der Klagemauer ist ein öffentlicher Platz und kein Sakralraum, was sich auch daran ablesen lässt, dass Männer dort keine Kippa tragen müssen. Das ist so, als würde jemand auf der Kölner Domplatte Passanten wegen ungebührlicher Kleidung ermahnen“, erläutert Schnabel. Er glaube an Werte wie Respekt und Koexistenz, betont der Benediktiner, doch genau diese Werte sieht er durch sein Verhalten nicht beeinträchtigt. Ein Besuch an der Klagemauer oder ein Gebet an dieser Stelle, „was ich als Abt sowieso nicht machen würde“, seien nicht geplant gewesen. Empört fährt Schnabel fort: „Darf ich nicht einmal mehr in meinem Abtgewand durch den öffentlichen Raum gehen?“

Die Ministerin als Augenzeugin bezeichnete den Zwischenfall auf Anfrage der KNA als „befremdlich“, verwies aber auf eine Entschuldigung der Western Wall Heritage Foundation. „Wir entschuldigen uns für die entstandenen Unannehmlichkeiten. Die Klagemauer ist für alle offen“, heißt es in einer Stellungnahme der Organisation. Die „höfliche“ Anfrage der Platzanweiserin sei „aus Respekt vor dem Besucher und der Stätte“ erfolgt. Die Entscheidung des Abtes, sein Kreuz nicht abzudecken, sei respektiert worden. Vorschriften in Sachen Kreuze auf dem Areal der Klagemauer, erklärte das Büro des Klagemauerrabbiners Schmuel Rabinowitsch gegenüber der KNA, gebe es nicht.

In der Vergangenheit äußerte sich Rabinowitsch jedoch eindeutig: Nicht nur Päpste, Bischöfe oder Äbte sollten ihre Kreuze von der westlichen Umfassungsmauer des zweiten jüdischen Tempels fernhalten, sondern auch sichtbare Kreuzanhänger gewöhnlicher Pilger seien unerwünscht. 2009 regte er an, Papst Benedikt XVI. möge bei seinem Besuch ohne Brustkreuz an die Stelle herantreten, worauf der damalige Generalsekretär des Zentralrats der Juden, Stephan J. Kramer, dem Rabbiner vorwarf, sein religiöses Amt für Intoleranz zu missbrauchen.

Schon 2007 habe Rabinowitsch die Vollversammlung der Österreichischen Bischofskonferenz an der Klagemauer auflaufen lassen, erinnert sich Markus Bugnyar, Rektor des Österreichischen Hospizes in Jerusalem und damals für die Organisation des Besuchs verantwortlich. Dass die Bischöfe mit Brustkreuzen erschienen seien, habe weder mit Ignoranz noch dem Willen zur Provokation zu tun gehabt.

„Nach dem geplanten Besuch an der Klagemauer und einem Treffen mit Rabinowitsch fuhren die Bischöfe weiter zur Holocaustgedenkstätte Yad Vashem, wo sie Verantwortungsbewusstsein als kirchliche Repräsentanten zeigen wollten - in Bischofskleidung mit Brustkreuz“, so Bugnyar. Das habe man der Verwaltung der Klagemauer sehr klar kommuniziert. Auf dem Gelände der Klagemauer angekommen, sei es weder zu dem Treffen noch einem Besuch an der Stätte selbst gekommen - weil die Bischöfe der Forderung nicht nachgekommen seien, ihre Kreuze abzunehmen.

Schnabel äußert nun viel Verständnis für die Sensibilität des Ortes. Auch wenn er als Gastgeber in der Dormitio-Abtei jeden herzlich willkommen heiße, „ob mit Kippa, Kopftuch oder barfuß“, hinterfrage er sich als Gast an fremden heiligen Orten besonders gründlich. Über vieles lasse sich reden. Im öffentlichen Raum für seine christliche Arbeitskleidung angefeindet zu werden, sei jedoch „indiskutabel“. Das jüdische Viertel dürfe nicht zu einer No-go-Area für Christen werden.

Leider gebe die gegenwärtige Regierung derartigen Richtungen Rückendeckungen, beklagt der Ordensmann, der als kritischer Beobachter und Betroffener zunehmender radikal-jüdischer, antichristlicher Tendenzen bekannt ist. Es sei eine Tendenz spürbar, die Grenze zwischen weltlich und sakral zu verwischen. Und einige Extremisten seien der Ansicht, dass „ganz Jerusalem heilig ist und es in der Stadt keinen Platz für Kirchen gibt“.

(felt/KNA)