Gott und die Welt Wie der Islam zu Anderssein und Vielfalt steht

Meinung | Münster · Das Fußballereignis in Katar hat Fragen zum Islam aufgeworfen: etwa, wie die Religion mit Vielfalt umgeht. Ein Blick auf die Schöpfungsgeschichte gibt Hinweise, welchen Stellenwert Vielfalt auch im Islam hat.

 Mehrere Tausend Muslime versammelten sich im Bels Park auf einem Feld zu ihrem wöchentlichen Freitagsgebet. Es gilt als eines der größten Freitagsgebete in dieser Stadt, bei dem Tausende von Gläubigen gemeinsam regelmäßig zusammenkommen.

Mehrere Tausend Muslime versammelten sich im Bels Park auf einem Feld zu ihrem wöchentlichen Freitagsgebet. Es gilt als eines der größten Freitagsgebete in dieser Stadt, bei dem Tausende von Gläubigen gemeinsam regelmäßig zusammenkommen.

Foto: dpa/Mustasinur Rahman Alvi

Bei der aktuellen WM rückten zahlreiche Themen jenseits von Sport und Fußball ins Zentrum vieler Debatten. Selbstbestimmung der Frauen im Iran, Menschenrechte in Katar, die Unterstützung Katars für Hamas und den politischen Islam, Verbot von Alkohol in den öffentlichen Räumen der WM und anschließend die Debatte um den Umgang mit dem Thema sexuelle Diversität. Gerade Letzteres macht deutlich, wie weit Wertehaltungen in Bezug auf die Anerkennung von Vielfalt in der Gesellschaft auseinandergehen können. Dabei verläuft die Trennlinie sicher nicht alleine zwischen der islamischen und der nichtislamischen Welt. Es handelt sich einfach um verschiedene Wertevorstellungen unabhängig von Religionen und Nationen.

Dennoch muss man selbstkritisch zugeben, dass gerade islamisch geprägte Gesellschaften ein großes Problem mit der Anerkennung von Vielfalt haben, sei es politischer, gesellschaftlicher oder sexueller Vielfalt. Und hinter all diesen steckt die Herausforderung, möglichst viel Raum für geistige Vielfalt zu öffnen. Denn die Anerkennung von sexueller Vielfalt und das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung ist nicht nur eine Frage der Praxis, sondern und vor allem der geistigen Unterfütterung.

Gibt es im Islam eine religiöse Begründung unterschiedlicher Formen von Vielfalt? Meine klare Antwort: Ja! Allerdings kommt es auf die jeweilige Auslegung an. Gerade die koranische Schöpfungserzählung von Adam, die einen starken symbolischen Charakter besitzt, gilt als richtungsweisend für diese Frage. Der Engel, der den göttlichen Befehl ablehnte, sich vor Adam (symbolisiert den Menschen) niederzuwerfen, begründete dies damit, dass Adam anders sei. Er sei aus einem anderen Stoff erschaffen als er selbst. Mit anderen Worten, er hat abgelehnt, den anderen in seiner Andersheit anzuerkennen. Wegen dieser intoleranten Haltung ist aus ihm der Erzteufel geworden. Die koranische Botschaft ist hier klar: Durch die Ablehnung seines Mitmenschen, egal aus welchem Grund, versinkt der Mensch in tiefe Abgründe.

Es bleibt zu hoffen, dass die aktuellen Debatten, sei es im Iran, in Katar oder hier bei uns in Deutschland, zu innerislamischen Reflexionen führen und Räume schaffen werden, um Vielfalt im Islam sichtbarer zu machen.

Unser Autor ist Islamwissenschaftler an der Universität Münster. Er wechselt sich hier mit der Benediktinerin Philippa Rath, der evangelischen Pfarrerin Friederike Lambrich und dem Rabbi Jehoschua Ahrens ab.

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