Gott und die Welt „Auge um Auge“ und das Rache-Missverständis

Meinung · Wegen des berühmten Verses aus der Tora wird die Heilige Schrift oft als primitiv kritisiert. In unserer jüdischen Tradition wird „Auge um Auge“ aber völlig anders verstanden.

 Gewalttätiger Protest in Atlanta nach dem Tod von George Floyd im Jahr 2020.

Gewalttätiger Protest in Atlanta nach dem Tod von George Floyd im Jahr 2020.

Foto: dpa/Ben Gray

Momentan lesen wir in der Tora über Regeln, Verordnungen und Gesetze aller Art. Darunter ist auch das berühmte „Auge um Auge“. Es heißt dort (Ex 21,23-25): „Entsteht ein dauernder Schaden, so sollst du geben Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß, Brandmal um Brandmal, Wunde um Wunde, Prellung um Prellung“.  Leider denken viele, dass dieser Vers das Prinzip einer wortwörtlichen Vergeltung festlegt: Wenn jemand mein Auge ausschlägt, darf ich ihm das Auge ausstechen.

Im Mittelalter wurden solche Rechtspraktiken in mehreren europäischen Ländern basierend auf diesem Vers umgesetzt – wohlgemerkt von Christen. Und noch heute kritisieren viele Menschen die Tora, nennen sie „primitiv“, unter anderem wegen dieses Verses, und wenn zum Beispiel die israelische Armee gegen Terroristen kämpft, sagen einige, dass dies typisch jüdisch sei, denn das sei eben eine Rache gemäß „Auge um Auge“.

In unserer jüdischen Tradition wird dieser Vers aber völlig anders verstanden. Dafür haben wir neben der schriftlichen Tora eben auch die mündliche Tora, den Talmud. Es gibt keinen einzigen Fall eines solchen Racheprinzips in der ganzen Bibel, noch war es die Absicht dieses Gesetzes. Der Zweck dieser Regelung ist ein Recht auf finanzielle, nicht physische, Entschädigung, basierend auf dem Grad der Verletzung: der Wert eines Auges für den Verlust eines Auges – im Prinzip genauso, wie es moderne Gesetze in Bezug auf Schadensersatz und Schmerzensgeld heute machen.  Die Rabbiner erklären, dass das Gesetz versucht, den Schaden so weit wie möglich auszugleichen, und gerade deshalb wäre eine buchstäbliche, körperliche Vergeltung eine übermäßige Strafe, da der Täter sterben könnte und das nicht gerechtfertigt werden kann, sodass der monetäre Ausgleich der einzig richtige Weg ist (Talmud Kama 83b-84a; und Kommentare). Die Regeln der Tora sind eben nicht „primitiv“, sie sind dem Menschen zugewandt und Grundlage vieler moderner Gesetze und Werte.

Das ist die letzte Kolumne unseres Autors für die wöchentliche Kolumne Gott und die Welt. Für ihn schreibt künftig der Luxemburger Rabbiner Alexander Grodensky, der Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz ist.

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