Gott und die Welt Geliebt von Gott und Abraham

Meinung · Zum muslimischen Opferfest ein Reminder: Muslime und Juden eint religiös mehr, als sie sich selbst eingestehen. Das ist die Chance für eine Verständigung.

  Grundsteinlegung für das Mehrreligionengebäude „House of One“ in Berlin 2021.

Grundsteinlegung für das Mehrreligionengebäude „House of One“ in Berlin 2021.

Foto: dpa/Wolfgang Kumm

Heute ist der letzte Tag von Eid al-Adha, dem muslimischen Opferfest, einem der beiden großen muslimischen Feiertage. Was viele nicht wissen: dieser Feiertag ist auch zentral für die Beziehungen zwischen Juden und Muslimen. Beide Traditionen wertschätzen den tiefen Glauben Abrahams, der sogar bereit ist, seinen Sohn zu opfern. Wir Juden gedenken dem am Neujahrsfest, die Muslime am Opferfest. Auf den ersten Blick scheinen diese beiden Feste und Traditionen nichts miteinander zu tun zu haben – im Gegenteil, glauben doch die Muslime, dass Abraham Ismael opfern wollte, während wir Juden glauben, dass es Isaak war. Ein unüberbrückbarer Gegensatz?

Unsere heiligen Schriften, Tora und Koran, geben eine ganz andere Botschaft. In der Tora gibt es zwei Geschichten der beinahe Opferung eines Kindes: die Bindung von Isaak auf dem Berg Moria, aber auch die Geschichte von Hagar und Ismael in der Wüste, in der Ismael kurz vor dem Verdursten ist. Beides mal gehorcht Abraham Gott und riskiert den Tod eines der Söhne, in beiden Fällen aber kommt ein Engel Gottes, rettet den jeweiligen Sohn, und Gott segnet ihn. Die Geschichte handelt eben nicht von Tod, sondern von Segen. Beide Söhne werden zu großen und wichtigen Völkern: Isaak und seine Nachkommen zum jüdischen Volk und Ismael und seine Nachfahren zu den arabischen Stämmen und schließlich den Muslimen.

Nach dem Tod Abrahams kommen die beiden ungleichen Brüder friedlich zusammen und beerdigen ihren Vater gemeinsam. Wie ist das möglich? Laut Midrasch versöhnen sie sich und gehen zwar getrennte Wege, aber in brüderlicher Harmonie. Der Islam spricht in den fünf täglichen Gebeten vom Segen, der Abraham und seinen Nachkommen gegeben wurde, und die Geschichte des Opfers im Koran endet mit einem Segen für Isaak (Sure As-Saffat 37,112f). Die Geschichte von Isaak und Ismael ist eine Geschichte des Bruderkonflikts, der in Versöhnung und Eintracht endet – ein perfektes Beispiel auch für Juden und Muslime heute.

Unser Autor ist Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz. Er wechselt sich hier mit der katholischen Theologin Dorothea Sattler, der evangelischen Religionslehrerin Anne Schneider und dem Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide ab.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort