Gott und die Welt Mehr Menschlichkeit im Gazastreifen

Meinung · „Barmherzigkeit“ – das ist ein altes, aber keineswegs veraltetes Wort. Vor allem keine veraltete Gesinnung. Warum es gerade heute mehr Bedeutung hat denn je, und wie das mit Inhalt gefüllt werden muss.

Menschen stehen Ende März im Flüchtlingslager Jabalia in Gaza-Stadt an, um während des heiligen muslimischen Fastenmonats Ramadan kostenlose Mahlzeiten zu erhalten.

Menschen stehen Ende März im Flüchtlingslager Jabalia in Gaza-Stadt an, um während des heiligen muslimischen Fastenmonats Ramadan kostenlose Mahlzeiten zu erhalten.

Foto: dpa/Mahmoud Issa

„Misericordias Domini“ – „Barmherzigkeit des Herrn“ – so heißt in unserer christlichen Tradition der Sonntag dieser Woche. Meine Taschenkonkordanz definiert Barmherzigkeit als „Gesinnung, die Elend nicht sehen kann, ohne sich zum Helfen angetrieben zu fühlen“. Barmherzigkeit ist einer der biblischen Namen Gottes. Barmherzigkeit lässt Gottes Gerechtigkeit auf Hilfe für Menschen zielen, nicht auf Strafe und Vernichtung. Allerdings bindet die Bibel Gottes Barmherzigkeit an die Barmherzigkeit, die Menschen ihren Mitmenschen erweisen. „Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen!“, heißt es in der Bergpredigt Jesu (Mt 5, 7).

Mit einem Gleichnis verdeutlichte Jesus, was es heißt, Barmherzigkeit zu tun: In der Nähe von Jerusalem fällt ein Mensch unter Räuber und bleibt halb tot liegen. Ausgerechnet ein Samariter, der in jüdischen Augen einer religiösen Irrlehre anhängt, erbarmt sich seiner. Der Samariter fragt nicht nach der geografischen, politischen oder religiösen Zugehörigkeit des Opfers. Er hilft und kümmert sich. (vgl. Lk 10, 25-37).

„Barmherzigkeit“ – ein altes, aber keineswegs veraltetes Wort. Vor allem keine veraltete Gesinnung. Das Elend von Menschen in den aktuellen Kriegsgebieten führt mir das vor Augen. Es scheint mir unerlässlich, Barmherzigkeit für die Kranken und Hungernden im Gazastreifen durch notwendige Hilfslieferungen zu tun. Ohne zuerst nach deren mögliche Verstrickungen in die Terrororganisation der Hamas zu fragen. Doch ohne dabei die Verbrechen der Hamas zu verschleiern. Denn auch die Barmherzigkeit des Samariters ging nicht mit Verständnis oder gar Rechtfertigung für die Räuber einher. Seit sechs Monaten bewegen mich das Elend der von der Hamas gefangenen Geiseln und das Elend ihrer Angehörigen in Israel. Barmherziges Tun muss sich meines Erachtens hier mit politischem Handeln verbinden, das auf Befreiung der Opfer zielt. Um der Barmherzigkeit Gottes willen. Aber auch um unserer Menschlichkeit willen.

Unsere Autorin war Lehrerin für evangelischen Religionsunterricht und Mathematik. Sie wechselt sich hier mit der katholischen Theologin Dorothea Sattler, Rabbi Alexander Grodensky und dem Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide ab.

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