Gott und die Welt Zum Muttertag besser nicht in die Bibel schauen

Meinung · Feministische Theologie bedeutet auch, Texte zur Rolle der Frau und speziell zur Mutterschaft in der Heiligen Schrift zu hinterfragen. Denn was dort steht, kann aus heutiger Sicht erschrecken.

Ein Blumenstrauß steht in einem Wohnzimmer, während an der Wand ein Familienfoto hängt.

Ein Blumenstrauß steht in einem Wohnzimmer, während an der Wand ein Familienfoto hängt.

Foto: dpa/Annette Riedl

Am Sonntag ist Muttertag – kein ‚kirchlicher‘ Feiertag, wohl aber von einer kirchlichen Frau inspiriert, der Methodistin Anna Marie Javis. Seit 1914 in den USA am zweiten Maisonntag gefeiert, verbreitete sich diese Tradition dann schnell auch in Europa. Bei uns in Deutschland erfuhr der Muttertag in den 1930er Jahren einen ‚völkischen‘ Aufschwung durch die nationalsozialistische Mütterideologie, durch ‚Mütterweihen‘ und die Einführung des ‚Ehrenkreuzes der Deutschen Mutter‘. Aber heute? Was macht der Muttertag mit mir und was machen Frauen heute mit dem Muttertag? Besonders dann, wenn Einsichten von Feminismus und feministischer Theologie nicht spurlos an unserem Fühlen, Denken und Glauben vorüber gegangen sind.

Mir machen biblische Texte zur Rolle der Frau und speziell zur Mutterschaft immer neu bewusst: Nicht alle theologischen Aussagen der Bibel sind Gottes Wort für mich. Etwa wenn es heißt: „Einer Frau gestatte ich nicht, dass sie lehre, … sondern sie sei still. … Sie wird aber selig werden dadurch, dass sie Kinder zur Welt bringt…“ (1. Tim. 2, 12ff). Mutterschaft als der mir und allen Frauen von Gott zugewiesene Weg zur Seligkeit? Das ist eine Theologie, die das Evangelium verdunkelt. Ich bin froh, dass ich nicht aus Trotz gegenüber einer solch kruden Männertheologie freiwillig aufs Kinderkriegen verzichtet habe.

Meine Erfahrungen von Schwangerschaft, Geburt, Mutter-Sein (und jetzt auch Oma-Sein!) erfüllten und erfüllen mich neben mancherlei Sorgen und Belastungen immer neu mit Liebe, Dankbarkeit und Demut. Sie waren dabei niemals Seligkeits-Voraussetzungen für mich, schon aber so etwas wie ‚Seligkeits-Geschenke‘. Sie machten und machen mich glücklich. Wohl auch, weil mir neben meinem Mutter-Sein immer auch weitere Rollen und Erfahrungen offenstanden – nicht zuletzt das Lehren und Reden! Mein Gebet am Muttertag ist: Danke, Gott, für mein vielfältiges Beziehungsglück. Danke, dass du auch Frauenfüße ‚auf weiten Raum stellst‘! (vgl. Psalm 31, 9).

Unsere Autorin war Lehrerin für evangelischen Religionsunterricht und Mathematik. Sie wechselt sich hier mit der katholischen Theologin Dorothea Sattler, Rabbi Jehoschua Ahrens und dem Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide ab.