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Kolumne Gott und die Welt - Wie der Islam zur Impfpflicht steht

Gott und die Welt : Wie der Islam zur Impfpflicht steht

Ist die weltweite Verbreitung von Covid-19 eine Form der Läuterung und Prüfung durch Gott? Der Koran hat darauf eine andere Antwort – die auch die Frage nach einer Impfpflicht durch den Staat erübrigt.

Der Ausbruch der Corona-Pandemie hat einmal mehr die sogenannte Theodizee-Frage aufgeworfen: Wieso lässt Gott das Böse in der Welt geschehen? Gott ist doch allmächtig und meint es gut mit uns Menschen. Wieso greift er dann nicht in die Welt ein, um so ein Virus zu beseitigen? Zu Beginn der Pandemie, als das Virus islamische Länder noch nicht erreicht hatte, hieß es dort aus einigen theologischen Kreisen: „Das ist eine Strafe Gottes, die sich gegen Ungläubige richtet.“ Bald verbreitete sich allerdings das Virus auch in islamischen Ländern, nun lautet das Argument: „Das ist sowohl eine Form der Läuterung als auch der Prüfung durch Gott. Durch die Pandemie sollen Menschen zurück zu Gott finden und zugleich geprüft werden, ob sie Vertrauen in Gott haben und sich in Geduld üben können.“

Solche Antworten implizieren, dass Gott bewusst Krankheiten in die Welt setzt, um bestimmte Ziele zu erreichen: Strafe, Läuterung, Prüfung. Aber gerade solche Aussagen schrecken viele Menschen von Religionen ab. Denn was ist das für ein Gott, der uns Menschen mit Mitteln der Zerstörung zum Guten bewegen will? Erwartet man nicht, dass Gott ausschließlich mit Mitteln der Liebe handelt?

Der Koran beschreibt das Gott-Mensch-Verhältnis als Liebesverhältnis: „Er liebt sie und sie lieben ihn“ (Koran 5:54). Allerdings geschieht Liebe nur in Freiheit. Denn sie ist Ausdruck eines bedingungslosen „Ja“ zu sich selbst und zu anderen. Würde Gott unmittelbar in die Welt eingreifen, um Leid zu vermindern, um Kriege und Unfälle zu verhindern oder Krankheiten zu beseitigen, bliebe kaum mehr Raum für die Entfaltung der Freiheit des Menschen.

Eine islamische Freiheitstheologie geht davon aus, dass Gott hauptsächlich durch den Menschen selbst in die Welt eingreift. Das heißt, er verlässt sich auf das verantwortungsvolle Handeln des Menschen, um für eine bessere Welt zu sorgen. Der Mensch ist hier angehalten, sich selbst zum Guten zu verpflichten. Dadurch würde sich die Frage nach einer Impfpflicht durch den Staat erübrigen. Aber dadurch, dass Gott dem Menschen das Ruder in die Hand gab, geht er das Risiko ein, dass der Mensch die ihm geschenkte Freiheit missbraucht und nicht zum Wohle aller einsetzt.

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Unser Autor ist Islamwissenschaftler an der Universität Münster. Er wechselt sich hier mit der Benediktinerin Philippa Rath, der evangelischen Pfarrerin Friederike Lambrich und dem Rabbi Jehoschua Ahrens ab.