Kirchgang für alle Gemeinschaft unter Fremden

Meinung · Für viele gehört das Kirchesein zu den Freuden und Wohltaten ihres Lebens. Glauben, ohne offiziell Glied der Kirche zu sein – geht das? Das ist eine schwierige Frage für Evangelische.

 Abschlussgottesdienst des Evangelischen Kirchentags 2019 im Dortmunder Fußballstadion.

Abschlussgottesdienst des Evangelischen Kirchentags 2019 im Dortmunder Fußballstadion.

Foto: dpa/Roland Weihrauch

Sonntagvormittag in der Inselkirche. Eine bunte Mischung von Menschen füllt den Raum. Eine Taufgesellschaft und Urlaubsfamilien mit Kindern senken das übliche Durchschnittsalter. Der Programmzettel im Gesangbuch informiert: Eine Urlaubsseelsorgerin vertritt den Gemeindepfarrer mit einer Gottesdienstreihe über „Tiere in der Bibel und was sie uns sagen“. Heute sind „Geschichten von Raben und dem Propheten Elia“ dran. Glockengeläut, Orgelspiel und der Choral „Lobt Gott in allen Landen“ lassen mich touristische Fremdheitsgefühle schnell überwinden. Ich gehöre dazu. Ich bin mit all diesen Menschen um mich herum gemeinsam Kirche. Mit dem Täufling am Altar, mit Urlaubern, die den Choral nicht mitsingen können oder wollen, mit den mir fremden Inselbewohnerinnen und auch mit der mir unbekannten Pfarrerin und ihrem für mich überraschenden Denkansatz. Denn ich fremdle mit „zoologischer“ Theologie und frage mich normalerweise nicht, was die Tiere in und außerhalb der Bibel mir sagen könnten.

„Füll unser Herz mit Freuden durch Wohltat mancherlei, dass uns nichts möge scheiden von deiner Gnad und Treu“, singe ich im Eingangschoral. Und mir wird deutlich: Für mich gehört das Kirchesein zu den Freuden und Wohltaten meines Lebens. Kann man ohne Kirchesein an Gott glauben? Kann man teilhaben an „Gottes Gnad und Treu“, ohne Glied einer religiösen Gemeinschaft zu sein? Mein Verstand sagt ein grundsätzliches Ja. Kirche und kirchliche Gemeinschaft sind für uns evangelische Christenmenschen dank Luthers Erkenntnis eben nicht heilsnotwendig. Aber er gibt auch zu bedenken: Gelebter Glaube braucht auch institutionelle Gemeinschaft, damit er nicht sektiererisch wird oder sich verflüchtigt. Mit einer Anleihe bei dem Satz Loriots „Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos“ deshalb: Ein Glaubensleben ohne Kirchesein ist möglich, aber Gottesbeziehungen ohne daraus erwachsene Menschengemeinschaft sind sinnlos!

Unsere Autorin war Lehrerin für evangelischen Religionsunterricht und Mathematik. Sie wechselt sich hier mit der katholischen Theologin Dorothea Sattler, Rabbi Jehoschua Ahrens und dem Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide ab.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort