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Kolumne: Gott Und Die Welt: Jeder von uns ist auf Erden gewollt

Kolumne: Gott Und Die Welt : Jeder von uns ist auf Erden gewollt

Wenn ein Mensch am Leben müde ist, hat er in einer humanen Gesellschaft Anspruch auf Mitmenschen, die ihm sagen: "Es ist gut, dass es dich gibt." Ein Recht auf assistierten Suizid wäre der falsche Weg.

Erleben zu müssen, wie ein Kind an einer tödlichen Krankheit leidet, ist unerträglich. Es ergibt keinen Sinn, wenn auf einen jungen Menschen, der doch das Leben erst noch kennenlernen soll, schon das Sterben zukommt. Und trotzdem gehört auch dies zur bitteren Realität. Schätzungsweise 22 500 unheilbar erkrankte Kinder und Jugendliche leben in Deutschland.

Vor einigen Wochen habe ich zusammen mit Präses Manfred Rekowski in Wuppertal das Kinder- und Jugendhospiz Burgholz mit eröffnen dürfen. Es bietet zehn Plätze für schwerstkranke Kinder und Jugendliche. Auch deren Familien können untergebracht werden. Schon bei der Eröffnung war zu spüren: Auch wenn viele der Kinder, die dort wohnen, nur noch wenige irdische Monate oder Wochen haben werden - nicht der Tod zieht ein in das Hospiz, sondern das Leben, ziemlich pralles Leben sogar. Im Hospiz wird gelacht, gespielt, getobt, geweint, getrauert.

Ich habe Verständnis dafür, dass sich die Menschen von einem Medizinbetrieb den Zeitpunkt ihres Todes nicht vorschreiben lassen wollen. Von einem Medizinbetrieb zumal, der immer mehr zu können und immer perfekter zu funktionieren scheint und dennoch den Tod am Ende nicht verhindern kann. Die jetzt beginnende ökumenische Woche für das Leben macht dies zum Thema: "Sterben in Würde". Diskutieren wir - dieses Thema geht jeden an.

Der Ausweg, den viele Menschen für sich sehen, äußert sich in einem immer offensiver vorgetragenen Wunsch, ja sogar in dem Ruf nach einem Recht auf einen ärztlich assistierten Suizid. Ein vermeintlicher Akt der Selbstbestimmung. Denn ich lege selbst fest, wann mein Leben unerträglich ist, und entscheide mich dann dagegen.

Doch wenn gesetzlich erlaubt und geregelt wird, dass jeder sich bei der Selbsttötung professionelle Hilfe holen kann, dann geraten alte und schwache Menschen, aber auch Familien mit todkranken Kindern in eine entsetzliche Situation. Ihnen stellt sich unweigerlich die Frage: Wann ist der Zeitpunkt, da ich anderen nicht mehr zur Last fallen kann? Erwartet die Gesellschaft womöglich von mir, dass ich mein Leben beende oder wir unser Kind jetzt loslassen? Wenn ein Mensch am Leben müde ist, zermürbt vom Schmerz und dem Erleben des Ausgeliefertseins nach dem Tod fragt, dann hat er in einer humanen Gesellschaft Anspruch auf Mitmenschen, die ihm sagen: "Es ist gut, dass es dich gibt." Ich glaube daran, dass Gott das Leben jedes Menschen bejaht hat, jede und jeder Einzelne gewollt und geliebt ist und dass wir Menschen keinen höheren Ratschluss dazu haben. Der Tod bleibt oft unverständlich, aber das Sterben dürfen wir als eine Aufgabe verstehen, die wir nicht aufgeben sollten.

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Mit unserem christlichen Glauben an einen Tod, der nicht das Ende von allem ist, verbindet sich auch die Annahme und Aufgabe, den Tod und das Sterben als Teil unseres irdischen Daseins "lebendig" zu halten, ihn nicht zu verdrängen und ihm so auch etwas von seinem Schrecken zu nehmen. Ich bin sehr dankbar, davon etwas gespürt zu haben im Kinderhospiz in Wuppertal.

Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki schreibt hier an jedem dritten Samstag im Monat. Ihre Meinung? Schreiben Sie unserem Autor: kolumne@rheinische-post.de

(RP)