Gott und die Welt Ist Gott queer?

Meinung · Eine ungewöhnliche Frage, schon klar. Doch Gott ist Vielfalt. Wenn das auch längst nicht alle Muslime und Christen wahrhaben wollen.

Schon „Gott ist eine Frau“ (hier bei einer Castingshow 2019) ist manchem zu viel.

Schon „Gott ist eine Frau“ (hier bei einer Castingshow 2019) ist manchem zu viel.

Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

Den Einsatz für mehr Klimaschutz von Pastor Quinton Ceasar in seiner Abschlusspredigt auf dem Evangelischen Kirchentag fand ich großartig. Als er dann für mehr Toleranz und Inklusion der LGBT-Gemeinde aufrief, sagte ich mir als muslimischer Theologe: „Was für ein mutiger Pastor, der sich berechtigterweise für Vielfalt in unserer Gesellschaft einsetzt!“ Bei seiner Aussage „Gott ist queer“ dachte ich mir: „Oh, wenn das ein muslimischer Prediger in einer Moschee sagen würde, würden ihn die Menschen höchstwahrscheinlich sofort von der Kanzel herunterholen. Er würde nie wieder predigen dürfen.“ Als ich dann allerdings die vielen negativen Reaktionen von christlicher Seite vernommen habe, wurde mir klar, dass das Thema nicht nur Muslime herausfordert.

Spätestens seit der Fußball-WM in Katar wissen wir, wie sensibel Themen wie Homosexualität und Queer im islamischen Kontext sind. Sie zählen zu den Tabus, über die ungern gesprochen wird, und wenn, dann mit erhobenem Zeigefinger. Gerade Sexualität scheint in allen Religionen eine Trennlinie zwischen Konservativen und Progressiven zu sein. Einige Protestanten, die mit dem Austritt aus der Kirche drohten, erinnern mich an Muslime, die solchen Predigern aus den eigenen Reihen den Glauben absprechen. Diese Mechanismen des Selbst- und Fremdausschlusses sind Warnzeichen für das Fehlen der Bereitschaft, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, ohne voreilig Urteile zu fällen. Das Problem besteht darin, dass viele meinen, genau zu wissen, was Gott ist und will, und sich als Anwälte der absoluten Wahrheit sehen.

Daher habe ich ein Problem mit der Aussage, Gott sei queer. Gott bleibt unbegreiflich. Die Schöpfung zeugt von einem Gott, der offensichtlich für Vielfalt ist. Das zu würdigen, ist ein Zeugnis für den Glauben an einen Gott, der an den freien und selbstbestimmten Menschen glaubt. Nicht über Gott und was er ist sollte debattiert werden, sondern über den Menschen – und was ihm guttut.

Unser Autor ist Professor für islamische Religionspädagogik an der Universität Münster. Er wechselt sich hier mit der katholischen Theologin Dorothea Sattler, der evangelischen Religionslehrerin Anne Schneider und dem Rabbi Jehoschua Ahrens ab.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort