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Adventszeit im Flutgebiet: Trotz allem zuversichtlich bleiben - Kolumne

Gott und die Welt : Trotzig Advent feiern

Wie jemand Weihnachten feiert, der in der Flut so vieles verloren hat. Das ist gleichbedeutend mit einer Rückkehr zu den Ursprüngen der heiligen Geschichte.

„Jetzt hast du aber ganz schön viel Staub und Schmutz an deinen Schuhen“, sagt mein Kollege entschuldigend. Ich schaue an mir runter. Tatsächlich. Meine schwarzen Schuhe sind beim Besuch fast weiß geworden. Kein Wunder, denn ich habe ihn in seiner Kirche besucht, die seit einem halben Jahr eine Baustelle ist. Der Kollege ist Pfarrer einer Kirchengemeinde, in der Kirche, Gemeindezentrum und Pfarrhaus im Juli überflutet wurden. Im Vergleich zu anderen Gemeinden sind die Schäden nicht ganz so schlimm. Immerhin stand das Wasser „nur“ zwei Stunden im Gebäude, und im Erdgeschoss auch „nur“ zwei handbreit. Aber es hat gereicht. Die Böden und der Keller trocknen immer noch. Und ständig wieder wird hinter irgendeiner Wand feuchtes Dämmmaterial gefunden. Die Arbeit hört nicht auf. Die Baustelle wächst. Dabei sieht man schon, was alles getan wurde. Der Putz wurde weggestemmt, und zurzeit werden alle Leitungen überprüft.

Es ist ein großes Gemeindezentrum mit großzügiger Architektur. Der Verlust ist groß. Auf allen Ebenen. Die Gemeindemitglieder haben ihre Kirche verloren und der Pfarrer und seine Familie ihr Zuhause. Monatelang hat er mit seiner Frau und den Kindern in einem Wohnwagen gelebt. Sie haben mal in Euro zusammengerechnet, was sie alles verloren haben. Es ist viel. Aber dass die Kinder kein Kinderzimmer mehr haben, kann man mit Geld nicht zählen oder aufwiegen.

So stehe ich in den kalten, staubigen Räumen, sehe durchs Fenster den Weihnachtsbaum, der in der Einfahrt steht, und frage mich, wie sie hier wohl Advent und Weihnachten feiern. Es werde ein trotziges Weihnachtsfest, erzählt der Kollege. Sie werden trotz allem und allem zum Trotz die Geburt Jesu feiern. Anders als sonst. Mit Staub an den Schuhen und eher draußen als drinnen. So wie Maria, Josef und Jesus damals.

Möge er die Hoffnung groß halten, dass sie nächstes Jahr das 25-jährige Jubiläum des Gemeindezentrums und die Wiedereinweihung feiern können. Und dass der Pfarrer und die Gemeinde wieder ein Zuhause haben.

Unsere Autorin ist Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Lövenich in Erkelenz. Sie wechselt sich hier mit der Benediktinerin Philippa Rath, Rabbi Jehoschua Ahrens und dem Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide ab.