London: Phil Collins beendet Karriere

London : Phil Collins beendet Karriere

Der britische Schlagzeuger verkündet seinen Rückzug aus dem Musikgeschäft. Er könne aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr auf die Bühne. Außerdem sei er von der aktuellen Musikszene angewidert.

Von Beginn seiner Karriere an war Phil Collins mit einem Makel belastet: Als der Schlagzeuger 1975 den charismatischen Peter Gabriel als Sänger der Band Genesis ablöste, stöhnte die Fangemeinde auf. Für viele Musikfreunde markierte der Wechsel den Abstieg einer bis dahin wegweisenden Band in die künstlerische Bedeutungslosigkeit und hin zum Massengeschmack. Fortan galt Collins als ungeliebte Hitmaschine. Vielleicht hob der 60-Jährige unter anderem auf diese alte, nie vergessene Geschichte ab, als er sich jetzt in der englischen Zeitschrift "FHM" ironisch für seinen Erfolg entschuldigte. "Es überrascht kaum, dass die Leute anfingen, mich zu hassen", sagte Collins und kündigte seinen Rückzug aus dem Musikgeschäft an. "Ich gehöre wirklich nicht zu dieser Welt und glaube nicht, dass mich jemand vermissen wird."

Vorrangig aber sollen es gesundheitliche Gründe sein, weshalb der Brite die Schlagstöcke beiseite legt. Ein Nervenleiden mache es ihm fast unmöglich, so zu spielen wie früher; teilweise mussten die Sticks vor Konzerten mit Klebeband an der linken Hand fixiert werden. Hinzu kommen Probleme mit der Halswirbelsäule und dem Hörvermögen auf dem linken Ohr — alles Folgen einer 40-jährigen Bühnenkarriere. "Ich mache mir keine Sorgen darum, dass ich nie wieder in der Lage sein könnte, Schlagzeug zu spielen. Ich mache mir mehr Sorgen darum, dass ich nicht mehr dazu fähig sein werde, ein Brot zu schneiden oder etwas für meine Kinder zu bauen", sagte Collins im Interview. Mindestens ein Jahr benötige die Heilung, hätten die Ärzte erklärt. Trotzdem aber seien seine Hände nicht stark genug, um je wieder Schlagzeug spielen zu können.

Dabei machte ihn gerade sein wuchtiges, dabei aber dynamisches und melodisches Schlagzeug-Spiel berühmt; sein mit Hall-Effekten durchsetzter Stil wurde oft kopiert. Collins erste internationale Hit-Single als Solo-Künstler war denn auch ein Lied mit einem treibenden Drum-Solo, "In The Air Tonight". Bereits ab 1980 verfolgte der Brite neben seinem Engagement bei Genesis erfolgreich andere Projekte, entweder solo oder beispielsweise in der Jazz-Fusion-Band Brand X. Es folgte eine Reihe von weltweiten Nummer-Eins-Hits, zumeist eher seichte Pop-Balladen wie "One More Night" (1985), "One Day in Paradise" (1989) oder, mit Genesis, "Invisible Touch" (1986). Kritik kam auch aus den eigenen Reihen. "Du musst nicht großartig sein, um erfolgreich zu werden. Schau dir Phil Collins an", kommentierte etwa Ex-Oasis-Mitglied Noel Gallagher das Werk seines Kollegen.

Collins sagt heute, solche Anfeindungen hätten ihn schon verletzt. Andererseits hat der Erfolg die Schmerzen gelindert. Auf rund 150 Millionen Euro wird das Vermögen des Musikers heute geschätzt. Collins verkaufte mehr als 100 Millionen Alben als Solokünstler sowie rund 150 Millionen Platten mit Genesis. Für seine Arbeit kassierte er acht Grammys, zwei Golden Globes und einen Oscar (für den Filmsong "You'll Be In My Heart" im Disney-Film "Tarzan"). Mehr kann man sich als Musiker kaum wünschen. Zudem geriet auch die Genesis-Reunion-Tour durch Europa im Jahr 2007, 15 Jahre nach dem Aus der Band, zum Triumph. Dennoch hadert Collins mit seiner Branche. Er sei angewidert von der aktuellen Musikszene, sagte er "FHM". So gehe es beispielsweise bei den MTV Music Awards mehr um die Party als um die Musik. "Wenn ich das sehe, denke ich nur: Wir arbeiten nicht in derselben Industrie."

Stattdessen will sich Collins wohl ins Privatleben zurückziehen. Obwohl es auch da hakt. Dreimal wurde der Musiker geschieden, vier Kinder stammen aus diesen drei Ehen. Seit Jahren schon lebt er in einer Villa bei Genf, um in der Nähe seiner beiden jüngsten Sprösslinge zu sein, die bei ihrer Mutter wohnen. Ihm sei die Beziehung zu seinen beiden Söhnen sehr wichtig, erzählte er im Interview: "David Letterman wollte vor kurzem, dass ich in seiner Show auftrete, aber ich meinte: ,Nein, keine Zeit. Montags passe ich auf die Kinder auf.' Meine Plattenfirma meinte: ,Aber das ist David Letterman!' Ich sagte: ,Das ist mir scheißegal!'"

Auf seinem vorerst letzten Album würdigte Collins die Motown-Ära. Es heißt "Going Back", zurück zu den Anfängen. Nicht auszuschließen, dass Collins eines Tages auch zu seinen Wurzeln zurückkehrt.

(RP)
Mehr von RP ONLINE