Terrorgruppe aktiver als angenommen: NSU-Trio plante mehr Terroranschläge in NRW

Terrorgruppe aktiver als angenommen : NSU-Trio plante mehr Terroranschläge in NRW

Die Gruppe soll mehr als 100 Anschlagsziele in Nordrhein-Westfalen ausgespäht haben – angeblich standen auch Politiker im Visier der Neonazis. Die Verdächtigen wurden in Erftstadt bei Köln gesehen.

Die Gruppe soll mehr als 100 Anschlagsziele in Nordrhein-Westfalen ausgespäht haben — angeblich standen auch Politiker im Visier der Neonazis. Die Verdächtigen wurden in Erftstadt bei Köln gesehen.

Die rechtsextreme Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) war in Nordrhein-Westfalen aktiver als bislang angenommen. Wenige Tage vor Beginn des Prozesses gegen die mutmaßliche Terroristin Beate Zschäpe und vier weitere Unterstützer des NSU in München berichtete gestern das WDR-Magazin Westpol, das Terror-Trio habe mehr als 100 Anschlagsziele in NRW ausgespäht. Darunter sollen sich Objekte in Hamm und Paderborn befunden haben. Auch die Jüdische Kultusgemeinde in Münster wurde offenbar ausgekundschaftet. Möglicherweise wurde die Gruppe dabei von der rechtsextremen Szene in NRW unterstützt. Eine Zeugin berichtet, sie habe mit Zschäpe und ihrem Gesinnungsgenossen Uwe Bönhardt bei einem Kameradschaftstreffen in Erftstadt bei Köln Kontakt gehabt.

Zu den Zielen, die die Gruppe in NRW offenbar anvisiert hatte, sollen auch Politiker-Büros sowie türkische Einrichtungen gehören. Das Netzwerk der Täter sei größer als bislang bekannt, sagte Opferanwalt Mehmet Daimagüler. NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) hält engere Verbindungen des NSU nach Nordrhein-Westfalen für denkbar: "Konkrete Hinweise, dass es auch Unterstützer im engeren Umfeld des NSU gegeben hat, haben wir in NRW nicht. Aber ich will nicht ausschließen, dass die weiteren Ermittlungen zu solchen Erkenntnissen führen können."

Die Terrorzelle NSU soll in der Zeit zwischen 2000 und 2007 in Dortmund, Nürnberg, Hamburg, München, Rostock, Kassel und Heilbronn zehn Menschen ermordet haben. Dem Trio wird auch das Nagelbomben-Attentat in der Kölner Keupstraße aus dem Jahr 2004 zugeschrieben.

Susann E. soll Zschäpe geholfen haben

Die Polizei hatte bei ihren Ermittlungen zu dem Anschlag Spuren in die rechte Szene nicht weiter verfolgt. Fälschlicherweise gingen die Ermittler davon aus, Motiv für die Tat sei ein Konflikt von Geschäftsleuten mit Migrationshintergrund gewesen. Ein Abteilungsleiter im Düsseldorfer Innenministerium hat sich persönlich für diese Panne entschuldigt.

Die Bundesanwaltschaft hat ihre Ermittlungen kurz vor Beginn des Prozesses gegen Zschäpe und ihre mutmaßlichen Unterstützer unterdessen ausgeweitet. Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" berichtet, Fahnder hätten am vorigen Mittwoch erneut die Wohnung von Susann E. durchsucht, einer einstmals engen Vertrauten Zschäpes. Die 31-Jährige, gegen die bislang lediglich wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung ermittelt wurde, stehe nunmehr auch im Verdacht, Zschäpe im November 2011 bei der Flucht geholfen zu haben. Susann E. soll Zschäpe unter anderem saubere Kleidung zur Verfügung gestellt haben.

Bei der Fahndung nach untergetauchten späteren Mitgliedern des NSU hat es offenbar eine weitere Ermittlungspanne gegeben. Die ARD berichtet, dass der damals per Haftbefehl gesuchte Bombenbauer Uwe Böhnhardt im Jahr 2000 von Ermittlern zwar fotografiert, aber nicht festgenommen wurde. Warum dieErmittler Böhnhardt nicht erkannt haben, ist bis heute nicht geklärt. Vier Monate vor dem Start der rassistischen Mordserie des NSU wurde so die Chance auf einen Zugriff verpasst.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Das ist Beate Zschäpe

(gmv)
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