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Serie Der Schwierige Umgang Mit Demenz: Nostalgie-Wände beruhigen Patienten

Serie Der Schwierige Umgang Mit Demenz : Nostalgie-Wände beruhigen Patienten

Die Geschäftsidee des Briten Richard Earnest, mit der er eine Fernsehshow gewann, löst Demenzkranke aus ihrer Isolation.

London Auf der Tapete prangen bunte Blumen in Pastellfarben, davor stehen ein Tisch mit einem Teeservice und ein altertümlicher Fernseher. In den Räumen des Royal Hospital in der britischen Stadt Derby ist eine Zeitreise möglich – nur mit Hilfe einer Stellwand, auf der ein Wohnzimmer der 50er Jahre nachgebildet ist. Die Pflegekräfte setzten die demenzkranken Patienten gerne in diese Kulissen. "Sie fühlen sich dort wohl, denn die Bilder erinnern sie an ihre Vergangenheit", sagt Krankenschwester Carole Barker. Die Patienten seien entspannter und würden ruhiger.

Der Brite Richard Earnest hatte die Idee zu den "Räumen der Vergangenheit". Mit seiner Idee gewann er die BBC-Fernsehsendung "Dragons Den", in der Firmengründer versuchen, Investoren für ihr Geschäftsmodell zu begeistern. Das gelang ihm, und er bekam 100 000 Pfund (rund 120 000 Euro) als Startkapital "Die Wände helfen gegen Langeweile und Stress", erklärt er. Außerdem ermöglichten die Kulissen einen engeren Austausch zwischen Patienten und Pflegekräften. Die vertraute Umgebung helfe bei der Orientierung in einem Hier und Jetzt, in dem sich viele Demenzkranke nicht zurechtfinden. Denn je länger eine Demenz dauert, desto weiter in der Vergangenheit lebt ein Patient, erklärt Rolf D. Hirsch, Gerontopsychiater aus Bonn. Das Kurzzeitgedächtnis funktioniert in der Regel nicht mehr, dafür erinnern sich die Betroffenen besonders intensiv an die ersten Jahre ihrer Kindheit. "Die Demenzkranken verstehen die Welt um sie nicht mehr, und wir anderen verstehen die Welt der Demenzkranken nicht."

Die britischen Pflegeheime, die bereits mit den nostalgischen Kulissen arbeiten, haben gute Erfahrungen gemacht. "Es wirkt so, als würden sie sich bei uns nun mehr zu Hause fühlen", erklärt Carole Barker aus Derby. So laufen in manchen Heimen auch Fernsehsendungen und Filme aus den vergangenen Jahren. Requisiten liegen aus, wie Lebensmittelkarten in einem Tante-Emma-Laden – all diese Dinge lässt Richard Earnest nachbauen. Dank der Bilder und der Dinge zum Anfassen kommen die Erinnerungen zurück. Verstummte Menschen fangen an zu erzählen, wie eine alte Dame, die ihrer Pflegerin berichtet, dass sie anlässlich der Krönung von Queen Elizabeth II. Sonderbezugsscheine für Zucker und Käse bekam. Für Richard Earnest, der selbst kurz in einem Heim gearbeitet hat, sind Situationen wie diese eine Bestätigung dafür, dass sein Konzept funktioniert. "Sie sollen aufwachen aus dieser Lethargie und Isolation", betont er, "damit die Pfleger mit ihnen reden und sie besser kennenlernen können." Denn das helfe, ihre Lebensqualität zu verbessern.

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Die Stellwände sind für Demenzkranken ein Anker. Eine Wand kostet rund 1500 Pfund (1800 Euro) – mehr als 700 Wände hat er in Großbritannien schon verkauft. "Meine Idee spart eine Menge Geld, das sonst in Beruhigungstabletten geht", sagt der Unternehmer. Es sei ein kleiner Aufwand für eine große Wirkung. Auch andere Modelle geben Anregungen. "Demenzgärten zum Beispiel kosten auch nicht viel, und das Geld ist sinnvoll angelegt", betont Hirsch. Auch Besuche von speziell geschulten Tieren, der Einsatz von Gerüchen, Farben und Musik sowie eine freundliche und helle Architektur helfen den Patienten.

In diesem Jahr will Richard Earnest auch in Deutschland seine Stellwände anbieten. Sein sechsköpfiges Team und er arbeiten bereits an dem "deutschen Design" für ein Kino, ein Wohnzimmer und einen Laden. In England sind zusätzlich schon eine Retro-Küche, ein Tanzsaal und ein Pub samt Requisiten lieferbar. Die Kneipen-Kulisse soll einen zusätzlichen Gewinn für die Demenzkranken haben: "Sie ist ein sozialer Treffpunkt und ermuntert Patienten, mehr Flüssigkeit zu sich zu nehmen", heißt es im Prospekt seiner Firma "RemPods".

(RP)