Nahweh statt Fernweh

Raus in die Natur : Nahweh statt Fernweh

Mit dem Frühling kommt die Werbung für Fernreisen und Extremsport-Ausrüstungen. Aber es geht auch eine Nummer kleiner als Hawaii – ob mit oder ohne Ironman. Die Natur beginnt schließlich vor der Haustür.

Ich weiß beschämend wenig über den Wald, weniger als jedes Waldkindergarten-Kind nach einer Woche. Eichen erkenne ich, Birken sowieso, aber Buchen und Kastanien nur, wenn Bucheckern und Kastanien darunter liegen. Vögel kann ich überhaupt nicht voneinander unterscheiden, ausgenommen Papageien und Pinguine – aber die verirren sich ja eher selten in hiesige Breiten. Apropos: In Neuseeland würde ich vermutlich Kiwis, Keas und Kakapos erkennen sowie das „Kreuz des Südens“ – ein Sternbild und drei Vogelarten mehr als hier. Ans andere Ende der Welt hat mich einst das Fernweh gezogen, heute entdecke ich das Nahweh.

Meine Unwissenheit ist mir angemessen peinlich. Aber immerhin widerstehe ich dem Impuls, eine der diversen Apps zu installieren, die die Erkennung von Tieren und Pflanzen erleichtern sollen. Irgendwann schnappe ich mir mal ein Bestimmungsbuch. Bis dahin allerdings gehe ich einfach so ins Wäldchen nebenan. Ungerüstet. Ahnungslos. Die Natur verzeiht es mir. Und sie bezaubert mich, auch und gerade hier. Zu Hause.

Man kann den Niederrhein als einen „Landstrich vielfachen Durchschnitts“ verstehen, wie Okko Herlyn, der Ostfriese, der unsere Heimat lieben lernte, besang, bedichtete. Nicht zu Unrecht schrieb er auch: „Wälder, von denen aus Mythen und Märchen die Welt erobern“, lägen „sonstwo, aber gewiss nicht zwischen Diersfordt und Voshövel, Hinsbeck und Niederkrüchten“, und: „Die Idee einer Ebene ist beispielsweise in der Umgebung von Emden überzeugender verwirklicht.“ Wahr, aber letztlich auch irrelevant. Die Hatz nach dem Optimum, nach Superlativen, nach Hintergründen für Fototapeten-Fotos ist nicht nur in meinem Fall zwecklos, nach der erwähnten Neuseeland-Reise.

Vielmehr ist sie im Grundsatz teuer, umweltschädlich und vor allem unwürdig. Ich muss nicht die perfekte Welle surfen, Teahupoo in Tahiti – Paddeln auf der Niers reicht mir vollkommen. Das Hügelchen Oermter Berg zwischen Geldern und Moers ist mein Mount Everest, die Bundesstraße 9 meine Route 66.

Gerade ihre Unspektakulärheit macht sie mir so sympathisch, die Niers und ihre Nebenflüsschen, und das handelsübliche Grün drumherum. Ihre Ereignislosigkeit. Kein Elch, schon gar kein Elefant in Sicht, maximal ein Eichhörnchen. Kein Büffel, keine Boa, höchstens Blindschleichen. Angeblich zumindest, gesehen habe ich noch keine.

Hirsche oder Rehe wären mir willkommen, machen sich aber natürlich rar in den Mini-Wäldchen zwischen den landwirtschaftlichen Nutzflächen. Wolf oder Wildschwein möchte ich bei aller Liebe nicht allzu nahe kommen. Dachs und Fuchs zu erkennen, würde ich mir zwar auch noch zutrauen. Ob aber der Hecht nicht doch eher eine Forelle ist und der Otter nicht eher ein Biber oder eine fette Bisamratte, würde mich schon wieder überfordern.

Dem Autor Björn Kern gefällt das. „Von Vorkenntnissen aller Art ist möglichst abzusehen“, schreibt er in seinem Buch „Im Freien“, einer Hymne an das, was er Nahweh nennt. Das Draußensein, schreibt er, sei ein Glück, das man ohne Recherche und ohne Reiserücktrittsversicherung genießen dürfe und solle, ohne Ausrüstung ohnehin, also: vollkommen voraussetzungsfrei. Bei diesen kleinen Ausbrüchen gehe es nicht um möglichst extreme Erlebnisse, sondern um die Wiederentdeckung der Mehr-oder-weniger-Wildnis in der eigenen Zeitzone, dem eigenen Ort, vor der eigenen Haustür. Zu sehen, zu hören, zu riechen und zu spüren gebe es immer etwas.

Das schlichte Draußensein solle gegenüber dem Alltag „vermitteln und aussöhnen“ und „Momente schaffen, um die herum die Gleichförmigkeit nicht mehr öde, sondern beruhigend wirkt“. Kern beschreibt seine Suche nach dem Zustand, der nach dem kommt, was die Niederländer „uitwaaien“ nennen: Die frische Luft weht alle Sorgen weg, jeden Gedanken an Pflichten, Konflikte, Projekte, zu Bereuendes und für die Zukunft zu Befürchtendes. Draußen komme er zur Ruhe, erfahre eine Schärfung seiner Sinne – und eine Verschiebung weg vom Denken, Einordnen, Analysieren: „Gras ist kein Gras mehr, sondern etwas, das kitzelt, von unten kommt, nach oben strebt, grünt, vergilbt.“ Eine ungekannte Pause vom Sichverhaltenmüssen zu allen möglichen Fragen, Situationen, Menschen. Kurzurlaub für das Gehirn.

Nicht nur offline, sondern komplett analog. Eine Dosis Schweigekloster, gratis und ohne Anfahrt. Teambuilding mit sich selbst. Waldspaziergänge machen gesund, senken die Konzentration des Stresshormons Cortisol und den Blutdruck und regen die Bildung des Schutzhormons DHEA sowie der körpereigenen „Killerzellen“ gegen Krebs an. Aber das eigentliche Ziel des Waldspaziergangs ist gerade der Ausstieg aus der Verwertbarkeitslogik. Etwas Erdung. Perspektive. Ein wenig Demut vor der Schöpfung. „Der Tag beginnt“, erklärt der Pop-Poet Peter Licht. „Das ist viel. Er könnte es auch nicht tun.“ Auf dem Weg in den Wald ist nicht immer Kaiserwetter, aber ohne Regen kein Leben, und im Wald hat gerade das Zusammenspiel von Sonne und Regen die Bäume hervorgebracht, die auch uns thermostatverwöhnte Geschöpfe vor beidem schützen.

Seit einiger Zeit liegt das in Japan erfundene „Waldbaden“ im Trend, das Einlassen auf einen möglichst imposanten Wald mit allen Sinnen, dank verordnetem Zeitlupentempo gut für Körper, Geist und Seele. Mag alles richtig sein, aber es geht auch eine Nummer kleiner: ein kurzer Spaziergang ins Wäldchen nebenan. Wem das zu altmodisch, langweilig, uncool klingt, der nenne es doch einfach: Waldduschen.

Das waren gut 5000 Zeichen Text, aber sie alle sind leicht entbehrlich: „Leg dich an einem schönen oder auch windigen Tag in den Wald“, schrieb Robert Musil, „dann weißt du alles selbst.“

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