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Essen: Musikunterricht doch nicht für alle Mit dem Projekt "Jedem Kind ein Instrument" sollten alle Gründschüler in NRW die Chance auf

Essen : Musikunterricht doch nicht für alle Mit dem Projekt "Jedem Kind ein Instrument" sollten alle Gründschüler in NRW die Chance auf

Vanessa (8) und Tharaniga (8) heben ihre Geigen und linsen noch mal schnell zum Griffbrett. Da kleben bunte Punkte an den Stellen, an denen die Kinder ihre Finger auf die Saiten legen sollten. Alles parat. Jetzt klemmen auch Victor (9) und Vladyslav (9) ihre Geigen unters Kinn. "Ich zähl' auf Euch, Jungs", sagt Cornelia Krause und gibt den Einsatz. Barockmusik erfüllt den Raum, nicht ganz sauber, aber voller Enthusiasmus gestrichen. "Ich könnte einfach immer spielen", sagt Vanessa, "weil die Töne so schön klingen."

Musikalische Nachmittagsbetreuung in der Dürerschule im Essener Problemstadtteil Borbeck. Cornelia Krause kommt an vier Tagen pro Woche in die Grundschule, um mit Kindern, die dort ein Instrument erlernen, zu üben. Sie macht das ehrenamtlich. "Es geht nun mal nicht ohne regelmäßiges Üben", sagt sie, "aber viele Eltern kümmern sich nicht darum."

Die Dürerschule ist ein Vorzeigebeispiel für die positive Wirkung von Jeki. Die Abkürzung steht für "Jedem Kind ein Instrument" und war 2008 eines der Großprojekte der damaligen CDU-Landesregierung unter Ministerpräsident Jürgen Rüttgers. Durch Jeki sollten auch Kinder für den Instrumentalunterricht gewonnen werden, die Musik daheim eher als Berieselung aus der Konserve kennenlernen. Die Bundeskulturstiftung wurde als Partner gewonnen. Sie gab zehn Millionen Euro, um das Projekt im Ruhrgebiet anzuschieben. Inzwischen nehmen 60 719 Kinder an dem Programm teil. Doch nun ist die Zukunft für Jeki ungewiss.

Es sind zwei schlichte Sätze im Koalitionsvertrag der neuen rot-grünen Landesregierung, die alles in Frage stellen: "Das Projekt ,Jedem Kind ein Instrument' soll überprüft werden. Eine Ausweitung auf ganz NRW ist in der ursprünglichen Ausrichtung des Projekts und der aktuellen finanziellen Lage nicht leistbar", heißt es da. Rüttgers hatte in seinem letzten Wahlkampf 2010 noch angekündigt, Jeki vom Ruhrgebiet aus auf das ganze Land ausdehnen zu wollen. Doch das hätte viel Geld gekostet. Nun steht das gesamte Projekt auf dem Prüfstand.

Sollte das Land Jeki nicht fortführen, würden Musikschulen unter Druck geraten, die gerade erst gezwungen wurden, ihr Angebot grundlegend umzubauen. Lehrer, die jahrelang Kinder aus Bildungsbürgerfamilien in Einzelstunden unterrichtet haben, standen auf einmal vor Gruppen von Schülern, die zuvor keinerlei Umgang mit klassischer Musik hatten. Spricht man mit Musikerziehern, die in die neuen Unterrichtsformen gedrängt wurden, hört man Erzählungen von Kindern, die nach dem Knopf an der Bratsche suchten, weil sie dachten, das Instrument spiele von selbst.

Auf der anderen Seite gibt es Kinder wie Vanessa, die als Dreijährige mit ihrer Familie aus Rumänen eingewandert ist, und schon nach wenigen Monaten Unterricht im Streichquartett mitspielen kann. Oder Victor, dessen Familie aus Kenia stammt, und der sich schon darauf freut, dass beim nächsten Konzert seine Oma zuhören wird. Oder Vladyslav aus der Ukraine, der mit stillem Stolz erzählt, dass seine Eltern nach dem letzten Auftritt sagten: "Das hast du gutgemacht".

"Für die beteiligten Kinder ist Jeki zunächst einmal etwas Gutes", sagt Christian de Witt, Leiter der Folkwang-Musikschule in Essen, "aber das Programm ist gewaltig, die verschuldeten Kommunen müssen sparen und dem Projekt fehlt eine klare Zielsetzung". So seien viele Musikschulen nun verunsichert, wie es weitergehen werde.

Umstritten war das Projekt immer. Wenn es keine Elterninitiativen gibt, wie an der Essener Dürerschule, ist die langfristige Wirkung von Jeki gering. Kinder, denen man beim Üben nicht hilft, verlieren schnell den Spaß am Instrument. Um Jeki flächendeckend in ein sinnvolles Projekt zu verwandeln, müsste das Land also investieren. Doch dagegen dürfte es bei derzeitiger Haushaltslage Widerstände geben. Wird Jeki nun aber stillschweigend abgewickelt, wären an den Musikschulen alte Strukturen mit gehörigem Reibungsverlust in neue verwandelt worden, deren Zukunft nun ungewiss ist.

"Den Umbau an den Musikschulen hätte es vermutlich früher oder später ohnehin gegeben", sagt Antonia Lahmé von der Bundeskulturstiftung. Trotzdem beobachtet der frühere Jeki-Förderer die Entwicklung in NRW aufmerksam, denn die zehn Millionen Euro Anschubfinanzierung waren an die Auflage geknüpft, dass das Land das Projekt weiterführt. "Wir wären besorgt, wenn aus dem Umbau der Musikschulen nun ein Rückbau würde", sagt Lahmé. Doch die Jeki-Prüfung könne ja durchaus zu einem neuen Konzept führen, das etwa Tanz und Gesang in die musische Breitenerziehung einbeziehen würde.

Im laufenden Jahr gibt das Land 8,14 Millionen Euro an die Jeki-Stiftung. 42 Kommunen im Ruhrgebiet müssen sich das Geld teilen. Viel Spielraum für neue Konzepte bleibt da nicht.

(RP)