Korschenbroich: "Meine Frau war wie ein Kind"

Korschenbroich : "Meine Frau war wie ein Kind"

In Deutschland leiden 1,2 Millionen Menschen an Alzheimer. Hubert Renner aus Korschenbroich hat jahrelang an der Seite seiner erkrankten Frau gelebt. Der Kampf mit der Demenz hat ihn selbst erschöpft. Heute hilft er anderen.

Es waren die Kleinigkeiten, an denen Hubert Renner merkte, dass etwas mit seiner Frau Hannelore nicht stimmte. Sie räumte die nasse Wäsche in die Kommode oder legte den Schmuck in den Kühlschrank. "Sie hat einfach unsinnige Dinge getan", erinnert sich der Korschenbroicher. Allmählich veränderte sich auch ihr Wesen, sie wurde unruhiger, manchmal aggressiv und erkannte schließlich ihren Mann nicht mehr. Vor etwa drei Jahren bestätigten die Ärzte mit ihrer Diagnose das, was Renner längst vermutet hatte: Seine Frau hatte Alzheimer. Sie war eine von 1,2 Millionen Menschen in Deutschland, die an der irreparablen Demenz-Erkrankung leiden und auf deren Situation der heutige Alzheimer-Tag hinweisen will.

Hubert Renners Frau ist im April 2011 mit 73 Jahren gestorben. Er hat, wie er sagt, mit ihrem Tod abgeschlossen. Aber nicht mit der Krankheit. Die ständige Sorge um seine Frau hat bei ihm vor zweieinhalb Jahren einen Herzinfarkt ausgelöst. Erst ab diesem Punkt hat er umfassende Hilfe von außen geholt. Und war so dankbar dafür, dass er heute selbst ehrenamtlich für die Alzheimer Gesellschaft Kreis Neuss/Nordrhein im Vorstand sitzt. Hilfe zuzulassen sei generell ein großes Problem, sagt Dirk Bahnen, Demenz-Berater der Alzheimer-Gesellschaft Krefeld. "Laut einer Studie versuchen 73 Prozent der Angehörigen, Erkrankte ohne externe Hilfe zu pflegen", sagt Bahnen. Viele überfordern sich dabei.

Denn die Krankheit verwandelt den geliebten Menschen in einen anderen. Hubert Renner hat Zeit gebraucht, um das zu begreifen. "Es hat gedauert, bis ich verstand, dass ihre Wahrheit immer die richtige ist. Nur so kann man zusammenleben." Wenn seine Frau im Wohnzimmer sagte, sie wolle nach Hause, ist er mit ihr ein Stück spazieren gegangen, hat sie zurückgebracht, umarmt und gesagt, da sind wir wieder. Renner sagt, er hat aus dem Bauch heraus gehandelt, und vielleicht deshalb vieles richtig gemacht. "Am Anfang habe ich gedacht, ich würde meine Frau belügen, aber in Wirklichkeit habe ich ihr geholfen."

Hannelore Renner hatte zum Beispiel eine Phase, da wollte sie immer weg. Einfach nur gehen, ohne Ziel. Ihr Mann hat sie laufen lassen, weil man sie ohnehin nicht halten konnte. Auch wenn das ein kleines Risiko bedeutete. Aber er hat ihr einen Zettel in die Tasche gesteckt, mit ihrem Namen und ihrer Adresse, damit sie nicht verloren geht. An ihrem Bett installierte er einen Bewegungsmelder, um alarmiert zu werden, wenn sie aufstand. "Man durfte sie ja nicht mehr alleine in die Küche gehen lassen, da konnte sie ja weiß Gott was anstellen. Sie war wie ein Kind."

Trotzdem hat Renner sich mit seiner Frau nicht daheim verkrochen, ist mit ihr auf Konzerte und Ausstellungen gegangen. Das sei genau der richtige Weg, betont Demenz-Berater Bahnen. "Auch mit der Diagnose Alzheimer kann der Alltag noch Lebensqualität bieten", sagt er. Für die heutige, jüngere Generation der Demenz-Kranken gibt es etwa Angebote wie Tango-Tanzen oder Theatergruppen. "Hauptsache, die Menschen fühlen sich nicht abgeschoben." Als eine wichtige Anlaufstelle beraten die Alzheimer-Gesellschaften bei der Frage, wie sich ein lebenswertes Leben mit der Krankheit führen lässt. Aber auch, wo man eine fundierte Diagnose bekommt oder welche Leistungen die Pflegeversicherung bereitstellt. Immerhin wurden allein in NRW im Jahr 2010 rund 12 000 Patienten stationär behandelt.

Mit einer Erfahrung werden viele Angehörige trotzdem hart konfrontiert. Irgendwann hat Hannelore Renner ihren Mann nicht mehr erkannt. "Ich war nicht immer ihr Mann", formuliert es der 73-Jährige. Mal sah sie in ihm den Vater oder einen guten Freund. Aber auch da war ihre Wahrheit die einzig richtige. "Ich habe sie darin bestärkt, versucht, bei ihr Wohlbehagen zu erzeugen", sagt Renner. Hannelore Renner war zum Beispiel eine begeisterte Turnier-Tänzerin. Und manchmal hat das Paar im Wohnzimmer getanzt. Renner lächelt. "Dann hat sie gestrahlt."

(RP)
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