Mehr ältere Radfahrer sterben bei Unfällen

Verkehrs-Statistik: Mehr Senioren unter getöteten Radfahrern

2017 hat es mehr Unfälle, aber weniger Verkehrstote in Deutschland gegeben. Plötzlich steigt jedoch die Zahl der getöteten älteren Fahrradfahrer. Die meisten von ihnen fuhren Räder mit Hilfsmotoren. Solche Pedelecs sind schnell und schwer.

Die Zahl der Verkehrstoten ist trotz eines Höchststands von Unfällen auf deutschen Straßen weiter gesunken – allerdings nicht die Zahl der getöteten Fahrradfahrer: Mit 3180 Todesopfern sind im vorigen Jahr so wenig Menschen wie seit 60 Jahren nicht mehr bei Verkehrsunfällen ums Leben gekommen, jeder Achte von ihnen war ein Radfahrer (382 Menschen). Auffällig ist, dass deutlich mehr ältere Fahrradfahrer bei einem Unfall starben. 2010 waren es 92 Menschen über 75 Jahre, im vorigen Jahr 155. Das entspricht einem Anteil von 40 Prozent aller getöteten Radler. Das teilte das Statistische Bundesamt am Donnerstag in Berlin mit. Insgesamt nahm die Polizei 2,6 Millionen Unfälle auf, 2,2 Prozent mehr als 2017.

Zu den häufigsten Unfallursachen führten Fehler beim Abbiegen, bei der Vorfahrt, beim Abstand und bei der Geschwindigkeit. Besonders schwere Folgen hatten Unfälle mit Lastwagen. Bei etwa jedem dritten Unfall mit Personenschaden, an dem ein Fahrrad und ein Lkw beteiligt waren, handelte es sich um einen Abbiege-Unfall. 390.312 Menschen wurden im vorigen Jahr verletzt, unter ihnen 79.000 Radfahrer.

Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club erklärte auf Anfrage unserer Redaktion: „Alle Welt redet über autonomes Fahren. Wir sagen: Ein intelligentes Auto, ein intelligenter LKW warnt vor Radfahrern und Fußgängern im schwer einsehbaren Bereich – und führt im Ernstfall eine Notbremsung durch.“ Solche Systeme müssten serienmäßig in allen Kraftfahrzeugen eingebaut werden. Ferner seien breite, geschützte Radwege und Kreuzungen nötig. Die Rad-Infrastruktur in Deutschland sei unterdimensioniert.

Der Präsident des Statistischen Bundesamtes, Georg Thiel, nannte es „besorgniserregend“, dass sich die Zahl der Unfälle mit einem Pedelec, einem Fahrrad mit Hilfsmotor, zwischen 2014 und 2017 mehr als verdoppelt habe. Besonders betroffen waren auch hier ältere Radfahrer. Der Bestand an Pedelecs, die den Fahrer beim Treten bis zu einer Geschwindigkeit von 25 Kilometern pro Stunde unterstützen, ist in den vergangenen Jahren massiv gestiegen. Zwei Drittel der getöteten 68 Pedelec-Fahrer seien älter als 75 Jahre gewesen. Mit einem Pedelec seien Unfallfolgen meistens schwerer als mit einem klassischen Fahrrad. Laut Unfallforschung der Versicherer seien manche Senioren mit der höheren Geschwindigkeit und dem höheren Gewicht des Rades offensichtlich überfordert. Hauptursache bei allen Fahrradunfällen: die falsche Fahrbahnbenutzung.

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ADAC-Vizepräsident für Verkehr, Ulrich Klaus Becker, erklärte: „Pedelecs sind für viele Menschen inzwischen eine echte Alternative zur kurzen Fahrt mit dem Auto. Allerdings will der Umgang gelernt sein, da die Beschleunigung nicht mit einem herkömmlichen Fahrrad vergleichbar ist.“ Der sichere Umgang mit dem Pedelec sollte geübt werden.

Forderungen nach einer Helmpflicht für Radfahrer wurden aber nicht erhoben. Der ADAC erklärte auf Anfrage, das liege in der Selbstverantwortung der Radfahrer. Der FDP-Verkehrspolitiker Christian Jung sagte: „Ich trage beim Fahrradfahren immer einen Helm und kann das auch jedem empfehlen.“ Die FDP unterstütze grundsätzlich das Tragen eines Helmes, lehne eine Helmpflicht jedoch ab. Auf die Frage, ob Pedelecs eine Geschwindigkeitsbegrenzung bekommen sollten, sagte Jung: „Wir müssen in der Verkehrspolitik grundsätzlich neu über die Sicherheit sprechen. Da bringt es nichts, mit Aktionismus Regelungen einzuführen. Vielmehr sollte ein ganzheitlicher Ansatz verfolgt werden, zum Beispiel anhand von Verkehrserziehung.“

Nordrhein-Westfalen ist das einzige Flächenland in Deutschland, das 2017 weniger als 30 Verkehrstote pro eine Million Einwohner hatte: 27. Insgesamt waren es in NRW 484 Todesopfer, was einem Rückgang von 7,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr entspricht. Auch in Hessen war die Zahl im Vergleich zu anderen Bundesländern niedrig: 34. Das Statistische Bundesamt begründete den Wert damit, dass Nordrhein-Westfalen ein „stadtreiches Bundesland“ sei. Niedrige Todeszahlen hatten sonst nur die Stadtstaaten Hamburg, Bremen und Berlin. Die Gefahr, bei einem Verkehrsunfall tödlich verletzt zu werden, war in Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Niedersachsen und Thüringen am größten. 56 Prozent aller Verkehrstoten hatten Unfälle auf Landstraßen.

Die Bundesregierung strebt an, dass die Zahl der Verkehrstoten bis 2020 auf rund 2400 zurückgeht. Die Erfolge der Vorjahre werden auf Helm-, Gurt und Kindersitzpflicht, Geschwindigkeitsbegrenzungen, strengere Promillegrenzen sowie bessere Autos und Straßen und ein besseres Rettungswesen zurückgeführt.

(kd)
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