Düsseldorf/Erftstadt: Masern-Ausbruch an Waldorfschule

Düsseldorf/Erftstadt : Masern-Ausbruch an Waldorfschule

Deutschlandweit sind mehr als 1000 Menschen erkrankt. 2012 waren es 166. Bahr bringt Impf-Pflicht ins Gespräch.

Im Rhein-Erft-Kreis ist gestern eine Schule wegen mehrerer an Masern erkrankter Schüler geschlossen geblieben. Das Gesundheitsamt hatte veranlasst, dass aus Sicherheitsgründen alle 396 Schüler der Freien Waldorfschule Erftstadt zu Hause bleiben müssen. Der Schulleiter, Matthias Nantke, hatte die Behörden bereits am Montag darüber informiert, dass drei Geschwister im Alter von 16, 18 und 19 Jahren an der Infektion erkrankt waren. "Seitdem haben sich sieben weitere Schüler angesteckt. Und wir rechnen damit, dass es stündlich mehr werden", sagte gestern der Leiter des Gesundheitsamtes im Rhein-Erft-Kreis, Franz-Josef Schuba. Am Mittwoch hatten Mitarbeiter des Gesundheitsamtes die Impfpässe der Schüler kontrolliert. "Das Ergebnis war eine Impfquote von nur 26 Prozent", teilte Schuba mit. Die Konsequenz: Die Schule soll bis mindestens kommenden Dienstag geschlossen bleiben. "Nicht nur die Schüler, auch unsere 40 Kollegen müssen erst einmal ihren Impfstatus abklären. Bis dahin kann kein Unterricht stattfinden", sagt Alfons Thelen-Brücher, Sprecher der Freien Waldorfschule Erftstadt.

Wie sich die drei Geschwister aus der Gemeinde Vettweiß infizierten, ist inzwischen klar. Sie hatten Kontakt zu einer Familie in München, in deren Umkreis die Masern ebenfalls ausgebrochen waren, berichtet Schuba. In Bayern und Berlin werden derzeit immer mehr Fälle von Masern bekannt. Das hat bereits Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) auf den Plan gerufen. Er hatte laut "Bild"-Zeitung am Dienstag eine Impfpflicht gefordert. "Es ist verantwortungslos, wenn Eltern ihre Kinder nicht impfen lassen."

Waren im vergangenen Jahr nur 166 Fälle der meldepflichtigen Infektion bekannt geworden, sind es in diesem Jahr laut Jan Leidel, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (Stiko), bereits 1073 (Stand 30. Juni). Davon entfallen 478 Fälle auf Bayern und mehr als 400 auf Berlin. Dass die Zahl der Erkrankungen die des vergangenen Jahres um Längen übertrifft, ist laut Leidel "nicht dramatisch, aber ärgerlich und deprimierend", sagt er. "Die Schwankungen sind nicht ungewöhnlich, doch nach den guten Zahlen 2012 enttäuschend." Dabei sei das Hauptproblem nicht, dass Kleinkinder nicht geimpft würden. In diesem Bereich habe sich in den vergangenen Jahren dank vieler Kampagnen einiges getan. 93 Prozent aller Erstklässler seien gegen die Masern geimpft, berichtet Martin Terhardt vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte in Deutschland (BVKJ). "Es sind vielmehr die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die keinen Impfschutz haben." Auch die zuerst erkrankten Geschwister fallen in diese Altersgruppe. Den Vorstoß, eine Impf-Pflicht einzuführen, hält Leidel aber nicht für den richtigen Weg. "Unsere Gesellschaft steht jedem Zwang skeptisch gegenüber. Damit wäre eine Pflicht kontraproduktiv." Er könne sich nicht vorstellen, wie die Sanktionen bei Nicht-Einhaltung aussehen könnten.

Bis zum Ausbruch der Masern im Rhein-Erft-Kreis sah es in NRW mit nur 30 Fällen gut aus, sagt Leidel. Doch die Zahlen dürften jetzt weiter steigen. "Das Einzugsgebiet der Schule ist sehr groß und reicht bis nach Köln." Das Gesundheitsamt im Rhein-Erft-Kreis hat daher die umliegenden Städte und Ärzte informiert. Terhardt rät Erwachsenen, ihren eigenen Impfstatus und den der Kinder gleich welchen Alters zu überprüfen und sich schnellst möglich impfen zu lassen, sollte kein Schutz bestehen. "Geschieht dies innerhalb von drei Tagen, kann man den Krankheitsverlauf deutlich abschwächen", sagt Terhardt. Doch auch nach Ablauf der drei Tage sei die Impfung noch sinnvoll. Bei der Bekämpfung der Masern setzen Terhardt und Leidel auf Aufklärung: "Es gibt Impf-Gegner und Skeptiker, doch am häufigsten sind die Vergesser und Nicht-Wisser."

(RP)
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