Was Staatschefs zu essen bekommen: Machthungrig

Was Staatschefs zu essen bekommen: Machthungrig

Auch Politiker und Herrscher müssen mal essen: bei Konferenzen, Banketten oder nach dem Sieg in der Schlacht. TV-Köchin Sarah Wiener hat Gerichte gesammelt, die die Welt veränderten.

Einen 2500. Geburtstag begeht man nicht alle Tage, und deshalb hat der Schah von Persien für das Jubiläum der Monarchie seines Landes 1971 aufgefahren. In Persepolis, dem Ort mit jahrtausendealten Palästen und Säulentoren, gibt er ein Bankett für 69 Staatsgäste und baut eine luxuriöse Zeltstadt. Aus Europa werden 50.000 Singvögel eingeflogen, damit es nicht so still ist, sie sterben nach wenigen Tagen. Im 68 Meter langen, kugelsicheren Hauptzelt wird eine bestickte Tischdecke aufgelegt, an der 125 Näherinnen ein halbes Jahr gearbeitet haben. Die Liechtensteiner Köche Felix und Emil Real, beide tätig im Pariser Maxim’s, dem einst besten Restaurant der Welt, befehligen eine 160-köpfige Schar an Köchen, Kellnern und Sommeliers. Serviert werden unter anderem Wachteleier auf Perlen, Flusskrebsmousse, Lammrücken, Pfau auf herrschaftliche Art und Sorbet von altem Champagner – 60­ Jahre alt und tief roséfarben.

Es ist ein Fest der Verschwendung, der Dekadenz, der Protzerei. 18 Tonnen Lebensmittel sollen verarbeitet worden sein. Flugzeuge fliegen Eisblöcke in die Wüste, ein Weinkeller wurde angelegt, alle Zutaten kommen aus Frankreich. „Sogar Schnittlauch und Petersilie wurden aus Paris gebracht, auch die Rosen, obwohl die persische Stadt der Rosen, Schiras, quasi in der Nähe liegt“, sagt Sarah Wiener. Für sie war das Bankett „dekadent und pervers bis zum Anschlag“. Eine Leistungsschau eines Potentaten, die Ruhollah Chomeini, der spätere Ajatollah, als „Festival des Teufels“ bezeichnete. 1978 stürzte der Schah, und Sarah Wiener ist überzeugt, dass diese geschätzt 100 Millionen Dollar teure Show mit zur Revolution beigetragen hat. Damit war es wohl das opulenteste Essen der Weltgeschichte und eines, das den Lauf der Welt beeinflusste.

Für ihr Buch „Gerichte, die die Welt veränderten“ hat Sarah Wiener solche Geschichten zusammengetragen. Als Julius Cäsar bei Alesia die Gallier geschlagen hatte, ließ er in Rom zur Siegesfeier Wildschwein rösten – Obelix hätte das nicht gefallen. Napoleons Koch servierte dem Feldherrn nach der Schlacht bei Marengo Huhn mit Flusskrebsen. Zur Eröffnung des Suezkanals gab es Fasanenpastete, John F. Kennedy aß in Berlin mit Adenauer „Rinderfilet Renaissance mit Spargelspitzen und Schloßkartoffeln“.

Essen kommt eine zentrale Bedeutung zu. „Als Gastgeber will man zeigen, was man kann“, sagt Wiener. „Essen wird zelebriert und festigt mit seinen Ritualen eine Begegnung.“ Was und wie wir etwas essen, sagt viel über den Menschen aus. Und darüber, wie er sich darstellen will. Diese Rituale bestimmen zudem seit jeher das Miteinander. „Wer aus einer Schüssel isst, vergiftet sich nicht, wer sein Mahl teilt, muss miteinander reden und festigt seine Bande“, betont die Köchin. Zwar habe sicher noch nie ein einziges Wiener Schnitzel zu Frieden geführt, doch seien die Verhandlungspartner satt und zufrieden sicher gutmütiger. „Politik ist am Ende Kommunikation zwischen Menschen“, sagt die 56-Jährige. Das hätten die Österreicher etwa beim Wiener Kongress unter Beweis gestellt. „Die haben damals eine solche Party gemacht und ihre Gäste jeden Tag bekocht und sich noch mehr betrinken lassen – das hat schon seinen Anteil am Ergebnis gehabt.“ Es geht in ihrem Buch aber nicht nur um Politik, manch Epochales wäre ohne Nahrung nicht möglich gewesen. Wie der erste Flug zum Mond oder die Besteigung des Mount Everests.

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Die Recherche für das Buch, das in 33 Kapiteln eine kleine Geschichtsstunde mit Kochrezepten kombiniert, war mühsam, denn Essen spielte in der Planung sicher eine große Rolle, wurde aber in der Rückschau von der Dimension des Ereignisses überlagert. Für die historischen und kulinarischen Fakten war ein fünfköpfiges Team ein Jahr lang unterwegs. Dessen Mitglieder haben Archive durchwühlt, Bücher und Briefe durchforstet und historische Kochbücher durchgearbeitet. Sarah Wiener hat als Köchin die Rezepte bearbeitet und so angepasst, wie sie wohl hätten sein können, wenn das Original fehlte. Sie hätte gerne mehr Geschichten von Frauen oder indigener Völker eingebracht. Doch die Quellenlage sei schwierig. „Bei solchen Projekten merkt man noch einmal deutlich, dass die Geschichte von reichen und weißen Männern geschrieben wurde.“

Dass er oder ein anderer Kollege noch nie eingeladen gewesen sei, ein Staatsbankett zu kochen, hat Christian Bau, Drei-Sterne-Koch aus dem Saarland und unlängst mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, in einem Interview kritisiert. Und dass Politiker sich scheuen, ein Sterne-Restaurant zu besuchen, weil sie nicht der Prasserei bezichtigt werden wollen. „Deutschland kann sich in Sachen Kulinarik auf jeden Fall noch hocharbeiten“, sagt Wiener. In Frankreich gelte die Kochkultur als Kunsthandwerk, wenn nicht sogar als Kunst. Die Deutschen hingegen gäben am wenigsten Geld aus für Lebensmittel, ihnen sei ihr Auto wichtiger als ihr Körper. „Und da wundert man sich, wenn Politiker keine Wertschätzung für Essen haben?“ Für viele sei Essen nur Nahrungsaufnahme, „schließlich gibt es ,Wichtigeres’ zu tun“.

Sarah Wiener selbst kann sich nicht an das Essen eines bestimmten Tages erinnern, der für sie die Welt verändert hat. „Das alles verändernde Ereignis gibt es ja eher selten“, sagt die Österreicherin, die seit Mitte der 80er Jahre in Berlin lebt. Kulinarische Traditionen in ihrer Familie gibt es eher nicht – „die einzige, die ich mit meinem Sohn eingeführt habe, ist Geflügel an Weihnachten“. Ihre tschechische Oma, eine geniale Köchin, sei früh gestorben, die andere Oma kochte grottenschlecht. „Gut, dass es keine Tradition von ihrer Seite gab.“

Info „Gerichte, die die Welt veränderten“;
a-edition,
24,90 Euro

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