Duisburg: Lust auf Grillen

Duisburg: Lust auf Grillen

Insekten könnten die Proteinquelle der Zukunft sein, erste Unternehmen machen sich bereits an die Umsetzung. Die EU hat den Trend erkannt und die Zulassung von Insekten als Lebensmittel erleichtert.

Die Wenigsten denken bei Maden, Würmern und Heuschrecken ans Mittagessen - Insekten genießen hierzulande eher den Ruf, Ungeziefer zu sein, Krankheitserreger und Ernteschädling, jedoch keine Zutat für einen leckeren Salat. Einige junge Unternehmer arbeiten daran, dieses Bild zum Positiven zu verändern. Sie bieten Insekten fertig für den Verzehr an, für Mensch und Tier. Insekten seien nicht nur proteinreich, sondern auch nachhaltig und lecker. Die Europäische Union unterstützt sie dabei und hat das Zulassungsverfahren für "neuartige Lebensmittel" (novel food) entsprechend erweitert.

Bereits ohne europaweite Zulassung haben Felix Bierholz und Jonny Edward begonnen, Hundefutter auf Insektenbasis zu produzieren. "Ein mittelgroßer Hund isst dreimal so viel Fleisch wie ein Mensch", sagt Bierholz. Das sei Grund genug, nach einer alternativen Proteinquelle zu suchen. Beide studieren Wirtschaftswissenschaften in Bochum und haben in Duisburg ihren Versandhandel "Futterzeit" für Insekten-Hundefutter eröffnet. "Auf die Idee gekommen sind wir in unserer Projektgruppe ,Durch Wirtschaft die Welt besser machen' und durch Jonnys Auslandssemester in Shanghai", sagt Bierholz. Sein Kommilitone sei begeistert gewesen, dass es in China ganz normal sei, Insekten zu essen. Wieder zurück haben sich die beiden näher mit dem Thema beschäftigt - und gemerkt, dass Insekten die Antwort auf eine der größten Fragen unserer Zeit sein könnten.

Die Europäische Union hat den Bedarf neuer Proteinquellen erkannt und vereinfacht seit diesem Jahr die Zulassung von Insekten als Lebensmittel. Die bisherige Novel-Food-Verordnung wurde zu Beginn dieses Jahres um die Gruppe der Insekten erweitert. Dies sorgt für länderübergreifende Standards, Händler können ihre Produkte einfacher auf den Markt bringen, und müssen diese nicht in jedem Land einzeln zulassen.

Dabei sind Insekten auf dem Teller auch in Europa nichts Neues. Im 19. Jahrhundert und bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts war Maikäfersuppe in Teilen Deutschlands und Frankreichs verbreitet, sagt Folke Dammann, Gründer von Snack-Insects.com. Er hat vor etwa sechs Jahren angefangen, sich für den Verzehr von Insekten zu interessieren. "Damals war es reine Neugier. Ich hörte von Forschungen über alternative Proteinquellen", sagt er. Heute vertreibt er Heuschrecken, Grillen, Mehlwürmer und Buffalowümer über das Internet. Es gibt sie als Mehl, in Schokolade, als Energieriegel und natürlich auch im Ganzen. Passend dazu hat Dammann ein Insektenkochbuch im Angebot. Dieses deckt von Burger bis Sushi alles ab.

Beide, Dammann und Bierholz, werben mit dem geringen Ressourceneinsatz, der mit der Zucht von Insekten verbunden ist. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt an: Rinder brauchen acht Kilogramm Futter, um ein Kilogramm zuzunehmen. Insekten sind viermal effektiver. Sie brauchen nur zwei Kilogramm Futter für das gleiche Ergebnis. Die WHO schätzt, dass die Produktion von Treibhausgasen bei der Schweinezucht zwischen zehn und 100 Mal größer ist als bei der Insektenzucht. Zudem sind Insekten reich an ungesättigten Fettsäuren und Mineralien und haben im Schnitt rund 50 Prozent Eiweiß, aber nur wenige bis gar keine Kohlenhydrate. Ein Kilogramm Heuschrecken enthält etwa 480 Gramm Eiweiß. Damit ließe sich der durchschnittliche Tagesbedarf von zehn Erwachsenen decken.

Mit Kilopreisen von 300 Euro scheint die Proteinquelle der Zukunft allerdings noch zu teuer. "Der Eindruck täuscht", sagt Dammann. "Durch die Gefriertrocknung sind die Insekten sehr leicht." Das Verfahren wird für besonders empfindliche Lebensmittel eingesetzt, ist aber aufwendig. Es entzieht den Insekten das Wasser, ohne dabei die Inhaltsstoffe oder die äußere Form zu zerstören. "Der Preis wird sinken", ist sich Bierholz sicher. Vor allem die kleinen Produktionsmengen seien das Problem. "Sobald Insekten als Proteinquelle etabliert sind, werden auch die Produktionskosten sinken", sagt Bierholz.

Dass sich der Verzehr von Insekten bei uns anders als etwa in Asien entwickelt hat, ist wenig überraschend. "Es ist letztlich eine Frage der kulturellen Prägung", sagt Florian Kugler, Dozent für Lebensmittelwissenschaften an der Hochschule Rhein-Waal in Kleve. Angesichts der stark wachsenden Weltbevölkerung stellten Insekten jedoch eine interessante Proteinquelle dar. "Bei einer Befragung unter Studierenden am Campus Kleve gaben 23 Prozent an, mindestens einmal bereits Insekten gegessen zu haben." Die Bereitschaft sei also da.

(cha)