Le Vernet/Düsseldorf Lufthansa-Chef fehlt bei Trauerfeier

Le Vernet/Düsseldorf · Mehr als 300 Angehörige der Opfer des Germanwings-Absturzes sind gestern zu einer Trauerfeier in die französischen Alpen gekommen. Nicht dabei war Lufthansa-Chef Carsten Spohr. Opferanwälte kritisierten sein Fernbleiben.

Viereinhalb Monate nach dem absichtlich herbeigeführten Absturz der Germanwings-Maschine haben gestern Nachmittag rund 300 Angehörige nahe der Unglücksstelle in den französischen Alpen der Opfer gedacht. Geleitet wurde die überkonfessionelle Trauerfeier von Erzbischof Jean-Philippe Nault (50) aus Digne. Die protestantische Seite vertrat der evangelische Pastor Johannes Dübbelde aus Rheinland-Pfalz. Im Anschluss an die Trauerfeier gab es eine Andacht auf dem Friedhof des Bergdorfs. Dort war vorgestern ein Gemeinschaftsgrab mit sterblichen Überresten angelegt worden, die nicht mehr einzelnen Opfern zugeordnet werden konnten.

Germanwings-Flug 4U9525 war am 24. März auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf an einem Berg zerschellt. Die Ermittler halten es für erwiesen, dass der Copilot die Maschine absichtlich auf Crashkurs steuerte.

Nicht bei der Trauerfeier dabei war Lufthansa-Chef Carsten Spohr. Er ließ sich durch Finanzvorstand Simone Menne und Germanwings-Chef Thomas Winkelmann vertreten. Spohr sei bewusst nicht angereist, erklärte ein Konzernsprecher. Bekanntermaßen hätten ja einige Angehörige von Opfern ihn noch in dieser Woche sehr hart in einem offenen Brief angegriffen - also wollte Spohr die würdevolle Zeremonie nicht durch seine Anwesenheit belasten, hieß es zur Erklärung.

Für Nicoley Baublies, Vorsitzender der unabhängigen Flugbegleiterorganisation UFO, eine nachvollziehbare Entscheidung. "Ich halte es für richtig, dass Herr Spohr sagt, wenn das Thema derzeit so emotional diskutiert wird, gieße ich nicht noch Öl ins Feuer." Das habe nichts mit Feigheit zu tun, erklärte Baublies. Das Schreiben des Opferanwalts werde der Rolle der Lufthansa im Nachgang zu der Katastrophe nicht gerecht, betonte er. "Der Konzern war sehr gut bei der Angehörigen- und Mitarbeiterbetreuung, hat unbürokratisch Ausgleichszahlungen und Schmerzensgeld angeboten", erklärte Baublies.

Anwälte der Opfer sehen die Absage von Spohr dagegen kritisch: "Menschlich kann ich zwar verstehen, wenn Herr Spohr da ungern hingeht", sagte der Berliner Anwalt Elmar Giemulla, "aber ich kann als Vorstandschef doch einer so wichtigen Veranstaltung nicht fernbleiben, nur weil ich persönlich hart angegriffen wurde." Er weist darauf hin, dass die Familien Spohr ja vorgeworfen hatten, nicht zu ihren Trauerfeiern in Haltern gekommen zu sein. Dies ergänzt der Mönchengladbacher Anwalt Christof Wellens, der gestern selbst nach Südfrankreich gereist war: "Viele Angehörige hätten Herrn Spohrs Anwesenheit als Zeichen der Anteilnahme in einer ganz schweren Lebenslage gewertet. Wenn er nun nicht kommt, können die Familien nur hoffen, dass sich die Lufthansa wenigstens bei den Schmerzensgeldern und Entschädigungen mitfühlender als mit den bisherigen Angeboten verhält."

Dabei meint Wellens, es sei bereits bei der Trauerfeier im Kölner Dom aufgefallen, dass die Bundeskanzlerin oder NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft viel gefühlvoller auf die Angehörigen zugegangen seien als Spohr.

Unterdessen haben Angehörige die Vereinigung "Familien 4U9525" gegründet. Mit dem Zusammenschluss möchten sich die Familien in ihrer Trauer und ihren Ansprüchen gegenseitig unterstützen. "Wir möchten uns als Angehörige selber einbringen", sagt ein Hinterbliebener, der bei dem Absturz seine schwangere Frau verlor. So möchten die Opferfamilien unter anderem künftige Gedenkveranstaltungen mitgestalten und mitbesprechen, wo Gedenktafeln aufgestellt werden.

(RP)
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