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Thomas Gottschalk feiert 70. Geburtstag: Würdigung des Ex-"Wetten, dass?"-Moderators

Thomas Gottschalk wird 70 : Wie Joko und Klaas der 80er

Thomas Gottschalk feiert am Montag seinen 70. Geburtstag. Seine lockere Art verschob im Fernsehen die Grenzen des Zulässigen. Und manchmal musste der Zuschauer sich fremdschämen. Eine Würdigung.

Thomas Gottschalk zu gucken war eigentlich eine Niederlage. Es bedeutete, dass es keine Party gab, zu der ich gehen konnte. Und dass ich mich nicht verabredet hatte, obwohl es Samstagabend war. Also saß ich auf dem Teppich unseres Wohnzimmers, mein Vater auf einem Sessel, meine Mutter hinter mir auf dem Sofa, neben sich ein Schälchen mit ein paar Stücken dunkler Feodora-Schokolade. Wir schauten „Wetten, dass?“, und Thomas Gottschalk bekam es zu seinen besten Zeiten hin, dass sich Zuhausebleiben trotz Wochenende gut anfühlte. „Wie sieht der wieder aus?“, fragte mein Vater, wenn Gottschalk in Cowboystiefeln und Brokat-Gehrock aus der Kulisse trat. „Ich finde das ganz originell“, sagte meine Mutter.

Gottschalk organisierte in jenen Jahren unerwartete Begegnungen, große Momente, in denen verschiedene Milieus aufeinandertrafen und Funken schlugen. Ich erinnere mich an die irre Ausgabe, in der er Jerry Hall begrüßte. Jerry Hall hatte einst als Model mit Grace Jones in Paris auf den Tischen getanzt, sie war mit Bryan Ferry zusammen gewesen, sie schmückte Cover früher Alben von Roxy Music, sie feierte im Studio 54, dann kam sie mit Mick Jagger zusammen. Diese Jerry Hall legte ihre Beine nun ausgerechnet in den Schoß von Norbert Blüm, während Gottschalk in ihren Pumps davonstakste und euphorisiert rief: „Wir haben dieselbe Schuhgröße!“ Kulturtheoretiker könnten Dissertationen über solche Szenen schreiben. Clash of Culture. Ebenso großartig: Als Theo Waigel und Patrick Lindner gemeinsam mit Gottschalk „My Generation“ von The Who sangen und Roger Daltrey sie auf der akustischen Gitarre begleitete. Daltrey merkte bald, dass sich das hier nicht mit der Zeile „I hope I die before I get old“ vertrug. Und weil er sich nicht gleich umbringen wollte, wählte er die andere Alternative: Er schlug die Gitarre auf dem Boden kaputt.

Gottschalks großes Talent war es, Generationen zu verbinden. Er war ein Moderator im buchstäblichen Sinn. Er verringerte den lebensweltlichen Abstand zwischen Inge Meysel und Michael Jackson, zwischen Willy Millowitsch und Stephanie von Monaco. Er sorgte dafür, dass ich vom Teppichboden aus sagte, dass ich die monegassische Fürstentochter eigentlich ganz toll finde, obwohl meine Mutter eben angemerkt hatte, dass es sich für eine Grimaldi nicht gehöre, Popsongs zu singen – wegen der Contenance.

Wir kamen ins Gespräch, wir tauschten uns aus, und Gottschalk hatte das ermöglicht. Geschwiegen wurde indes, als Bo Derek und Karl Kardinal Lehmann zu Gast waren. Gottschalk hatte in seinen schlimmsten Momenten ja etwas Schmierlappiges, und es war schon ziemlich chauvi, wie er den Erotikstar umschmeichelte. Er sah Derek also ins Gesicht, blickte sich zu Lehmann um und sagte: „Diese Augen, da glaubt man wieder an den lieben Gott.“ Zartbitter knackte es zwischen den Zähnen meiner Mutter. Große Indigniertheit vom Sofa bis zum Sessel.

Indem man ihm zusah und währenddessen oder später darüber sprach, was man sah und gesehen hatte, legte man für sich fest, was zulässiges Verhalten war und was gegen den guten Geschmack verstieß. Man bekam vor Augen geführt, was gestrig war und was der Status Quo – auch in puncto Musik. Bei Gottschalk traten Take That auf, er machte aber keinen Hehl daraus, dass ihm Barclay James Harvest lieber war. Vielleicht ist diese heute weitgehend vergessene Band ohnehin ein passender Soundtrack für das Phänomen Gottschalk: immer ein bisschen too much und ohne Not pompös.

Ich mochte Gottschalk damals, kennengelernt hatte ich ihn bereits, bevor er 1987 „Wetten, dass?“ übernahm. Ich war ihm dankbar, denn er spielte viel Popmusik, und die bekam man nicht so oft in den ersten drei Programmen des Fernsehens zu hören. Er hatte bei Bayern 3 Sendungen moderiert, in denen er die BRD mit englischsprachigen Hits versorgte, und 1982 kam er mit „Na sowas!“ ins ZDF. Er war auf eine Weise fröhlich und respektlos, die eine bestimmte Grenze nicht überschritt, dabei aber entwaffnend genug war, Stars aus der Reserve zu locken und die Art des öffentlichen Sprechens zu verändern. Er und sein Kumpel Günther Jauch waren so etwas wie Joko und Klaas der 80er Jahre.

Er konnte reden, manchmal laberte er, oft sogar, er setzte das Labern als Waffe und als Pflaster ein. Manch prominenter Gast ergab sich nach einem intellektuellen Ermüdungsbruch, hervorgerufen durch Gottschalks Silbenfeuerwerk. Legendär die Folge von „Na sowas!“, als sich der in einen roten Blouson gekleidete und ständig die Zähne fletschende Klaus Kinski neben Gottschalk setzte. Kinski murmelte zur Begrüßung etwas von „Stinkladen“. Gottschalk stellte umständliche Fragen, vergaß aber stets das Fragezeichen, so dass der genervte Kinski nur antwortete: „Ich kann dir nicht folgen“, „Deine Frage hat keinen Zusammenhang“. Gottschalk redete und redete, und irgendwann gab selbst der hartgesottene Kinski auf: „Ich denke jetzt im Moment nur daran, dass ich gleich ins Hotel kann und Pilsener Bier trinke.“

Gottschalk verdanke ich meine erste Begegnung mit Depeche Mode. 1984 war das, da traten sie in „Thommys Pop Show“ auf. Er kündigte die Gruppe an und verwies darauf, dass sie nicht geübt habe. Und dann sah ich, wie Alan Wilder mit einem großen Hammer auf einen Haufen Steine schlug. Leider leicht neben die Beats aus dem Playback. Mir war das egal, ich war hin und weg, und „Blasphemous Rumours“ ist heute noch mein Lieblingslied dieser Band. Auch die Zeitschrift „Titanic“ habe ich mir das erste Mal gekauft, nachdem deren Redakteur bei der Buntstiftwette geschummelt hatte. Ich werde nie vergessen, wie er an den Stiften leckte und voller Überzeugung „Goldocker“ und „Karminhell“ sagte. Und auch das ist ja eine Leistung, dass man die Biographie seiner Zuschauer um Erinnerungen bereichert, um erste Begegnungen und die Erfahrung des geöffneten Horizonts. Gottschalk war genau deswegen zeitweilig einer der größten Stars dieses Landes. Er war so groß, dass er in einem Schloss am Rhein lebte und bald nach Kalifornien zog.

Wer in den 1980er Jahren sozialisiert wurde, kam gar nicht an ihm vorbei. Er war im Kino („Zwei Nasen tanken super“, „Piratensender Powerplay“), im Radio und im Fernsehen, in der „Hörzu“ und in der „Bunten“, in der Haribo-Werbung, und irgendwann stand auch noch sein ähnlich frisierter Bruder neben ihm. Mich interessierte Gottschalk da schon nicht mehr so. Vollends durch mit ihm war ich, als er dieses fürchterliche Lied unter dem Namen Thomas Gottschalk & Die besorgten Väter auf Platz vier der deutschen Charts brachte. „What happened to Rock and Roll“ heißt das Stück, und ein beispielhafter Vers geht so: „Sag mal, ist der Kerl plem plem / Nein, Papa, das ist Eminem“.

Bei meinen Eltern blieb er indes ein Thema, „der Gottschalk hat was“, fand meine Mutter, „der macht das schon gut“, sagte nun auch mein Vater. Als Gottschalk sich von seiner Frau Thea trennte, mit der er den Kleidungsstil des Abwegigen etwa bei den Bayreuther Festspielen zelebriert hatte, rief mich meiner Mutter sogar an: „Hättest du das gedacht? Ich nicht.“ Manchmal gelangen ihm noch Coups wie die Sendung, als sich Ursula von der Leyen in den Armen Hugh Jackmans zum Backfisch verjüngte. Aber es fiel doch ebenso auf, wie unangemessen der Umgang mit manchen weiblichen Gästen war. Die Folge, als Pamela Anderson im Bikinioberteil auftrat, möchte ich jedenfalls nicht noch mal sehen.

Gottschalk hat einen der tragischsten Momente der Fernsehgeschichte erlebt, als Samuel Koch in seiner Sendung verunglückte. Sein Übermut ging damals verloren, die Jugendlichkeit. Er selbst gab an, ein Schatten liege nun über der Sendung. Bald danach gab er die Moderation ab. Es war das Ende einer Ära.

Thomas Gottschalk hat eine neue Partnerin, schreiben die bunten Blätter, sein Haus in Malibu ist abgebrannt, und im Fernsehen war er zuletzt in seiner Sendung, in der auch Oliver Pocher mitmachte. Ich bekomme das alles nur noch am Rande mit. Aber ich bleibe dankbar für damals.

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.