Schauspieler auf der Überholspur: Ryan Gosling ist der neue Star in Hollywood

Schauspieler auf der Überholspur: Ryan Gosling ist der neue Star in Hollywood

Der 31-jährige Ryan Gosling ist Amerikas Schauspieler der Stunde. Seit den eindrucksvollen Vorstellungen in "Blue Valentine" und "The Ides Of March" zählt er mit George Clooney und Brad Pitt zur Riege der Superstars. Und sein bester Film kommt erst noch: der Thriller "Drive".

Vor einem Jahr galt Ryan Gosling als großes Talent, als eines von vielen allerdings; heute ist er Hollywoods aufregendster Schauspieler. Es war das Jahr des 31-Jährigen, drei Filme haben ihn zum Star gemacht: das Liebesdrama "Blue Valentine", die romantische Komödie "Crazy Stupid Love" und der Polit-Thriller "The Ides Of March".

Das Plakat zur letztgenannten Produktion zeigt Goslings Porträt, es ist so angeschnitten, dass es in das des 20 Jahre älteren Regisseurs und Hauptdarstellers George Clooney überzugehen scheint. Das Bild könnte Symbolwert haben, vielleicht ist 2011 das Jahr der Staffelübergabe.

Wer Gosling nur aus den bunten Blättern kennt, die mit Vorliebe über seine zumeist am Filmset begonnenen Affären mit Kolleginnen wie Rachel McAdams, Sandra Bullock und Eva Mendes berichten, wird ihn womöglich unterschätzen. Dort tritt der Kanadier zumeist als geckenhaft modisch gekleideter Verführer auf, bei dessen Erscheinen alle verheirateten Männer von Los Angeles "Oh, nein!" rufen, weil sie sich um die Treue ihrer Gattinnen sorgen.

Als selbstironisch darf also jene Szene in "Crazy Stupid Love" gelten, in der Gosling sein T-Shirt auszieht und Emma Stone mit Blick auf sein Sixpack losprustet: "Du siehst aus wie gephotoshopt!"

Gosling zog für die Rolle in einen Wohnwagen

Aber Gosling kann etwas, er ist ein großartiger Schauspieler. Seine bislang beste Leistung zeigte er in "Blue Valentine", einem Film, der physische Schmerzen bereitet, weil er das Ende einer Liebe so wahrhaftig beschreibt. Goslings Spiel soll hier zu großen Teilen improvisiert gewesen sein.

Zur Vorbereitung lebte er mit Filmpartnerin Michelle Williams vier Wochen in einem Wohnwagen. Das Duo wollte auf der Leinwand möglichst vertraut miteinander umgehen, und tatsächlich glaubt der Zuschauer den beiden, es scheint alles echt zu sein — vor allem am Ende, wenn da nur mehr zwei von der Tragödie des Lebens verwundete Menschen sind.

Gosling ist der Mimiker unter den aktuellen Größen Hollywoods. Er steht zumeist regungslos da, strahlt eisblaue Unberührbarkeit aus und dehnt die Zeit durch völlige Verweigerung von Aktion. Irgendwann zuckt es in seinem Gesicht, das ist der Moment höchster Spannung. Goslings Normalität schlägt dann mitunter um in hellen Wahnsinn.

Er perfektioniert diesen Stil in dem Film "Drive", der bei den Festspielen in Cannes den Regiepreis gewann und bei uns Ende Januar ins Kino kommt. "Drive" ist ein düsterer Actionfilm, knallhart und neben "Blue Valentine" Goslings faszinierendstes Werk. Er entwickelte das Projekt gemeinsam mit Regisseur Nicolas Winding Refn, er hat es als "sein Baby" bezeichnet, und man versteht bald warum.

Gosling spielt einen namenlosen Stuntman, der im Nebenerwerb das Fluchtauto bei Bank-Einbrüchen fährt. Er trägt einen Blouson aus Ballonseide, den Rücken schmückt eine aufgestickte Kobra, und zwischendurch möchte man schreien, weil man dem Geheimnis dieses Mannes mit den halb geschlossenen Lidern und den fein gezeichneten Lippen einfach nicht auf die Spur kommt.

Gosling vereint das Feminine mit dem Machohaften, er ist brutal und zärtlich, und wie gut diese Rolle gewählt ist, zeigt sich im letzten Drittel des Films, in dem der einsame Wolf zum blutrünstigen Kämpfer wird. Eine imposante, unheimliche Vorstellung.

Justin Timberlake als Mitbewohner

Gosling baute seine Karriere behutsam auf. Das Kind einer alleinerziehenden Mutter aus Ontario wurde 1993 für den "Disney Club" gecastet, jene Fernsehshow, in der zur selben Zeit Britney Spears, Christina Aguilera und Justin Timberlake moderierten. Gosling wohnte während seiner zweijährigen Zugehörigkeit mit Timberlake zusammen, seine Einsätze wurden jedoch allmählich weniger, weil er im Gegensatz zu den Kollegen nicht so gut tanzen und singen konnte.

Er trat danach in TV-Serien wie "Young Hercules" auf und drehte einige bemerkenswerte Independent-Filme; "The Believer" (2001) etwa, in dem er einen Juden spielt, der Neonazi sein möchte, und "Lars und die Frauen", der ihn als schüchternen Einzelgänger präsentiert.

Der erste wirkliche Gosling-Film ist jedoch "Half Nelson" (2006). Als engagierter, aber drogenabhängiger Lehrer im Problemviertel testet Gosling seine Möglichkeiten. Da ist bereits dieser Gesichtsausdruck, der zwischen Skepsis und Spott changiert. Und da ist der typische Minimalismus, diese Eigenart, mit wenigen Andeutungen zu zeigen, dass im Kopf einer Figur etwas Existenzielles vor sich geht und dessen Ausbruch die Handlung jeden Moment verändern wird.

Konkurrent für Pitt und Clooney

Gosling wurde für seine Rollen in "The Ides Of March" und "Crazy Stupid Love" jeweils für den Golden Globe 2012 nominiert. Er hat diesen Erfolg durch kluge Rollenwahl und beharrliche Verbesserung seines charakteristischen Spiels erreicht, durch Mut zu mehr Kantigkeit.

Als Vorbilder nannte Gosling in einem Interview Robert Mitchum und Gary Oldman. Man möchte Clint Eastwood dazunehmen, nach "Drive" auch noch Steve McQueen. Wie diese Kollegen steht Gosling für das, was in einer Zeit als cool und stilvoll gilt. Lange haben George Clooney und Brad Pitt diese Position alleine ausgefüllt. Nun sind sie zu dritt.

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(RP/felt/top)