Wegen antisemitischer Pöbelei: Prozess gegen John Galliano

Wegen antisemitischer Pöbelei : Prozess gegen John Galliano

Paris (RPO). Am Donnerstag wird das Urteil über den britischen Modemacher John Galliano verkündet. Der Designer hatte sich wegen judenfeindlicher Pöbeleien seit Juni vor Gericht zu verantworten. Die Staatsanwältin fordert deshalb mindestens 10.000 Euro Geldstrafe.

Wer gehofft hatte, den exzentrischen Briten John Galliano am Donnerstag bei der Urteilsverkündung wegen judenfeindlicher Pöbeleien zu sehen, wird enttäuscht. Der britische Modemacher, den das französische Traditionshaus Dior wegen der antisemitischen Vorfälle im Frühjahr vor die Tür setzte, kommt nicht nach Paris.

Zu groß war der Auflauf der Medien und Neugierigen beim Prozessbeginn im Juni. "Ich erinnere mich nicht mehr genau daran, was vorgefallen ist", antwortete der 50-Jährige damals auf die Frage nach seinen Äußerungen im Pariser Szeneviertel Marais.

Der alkohol- und tablettensüchtige Star der Pariser Modeszene soll im Februar in seiner Stammbar "La Perle" einen Mann und eine Frau rund eine dreiviertel Stunde lang beschimpft haben. "Dreckige Judenfresse" habe Galliano sie genannt, gab eines der Opfer zu Protokoll. "Jüdisch war das Wort, das er am meisten benutzte, mindestens dreißig Mal". Zeugen gibt es für den Vorfall keine, was ein Urteil schwierig macht.

Doch nachdem die Pöbeleien bekannt wurden, meldete sich eine Frau zu Wort, die nach eigener Darstellung schon im Herbst 2010 in derselben Bar von dem Designer judenfeindlich beschimpft wurde und dafür zwei Zeugen hat. Für Aufregung sorgte im Februar auch ein Video, in dem der Brite mit den langen glatten Haaren und dem schmalen Schnurrbart bekennt: "Ich liebe Hitler".

Er habe Rassismus und Antisemitismus stets verurteilt, versicherte Galliano zu Prozessbeginn. Gleichzeitig schilderte der Modemacher dem Gericht, wie er nach dem Verlust seines Vaters und "eines engen Freundes" durch den Arbeitsdruck immer mehr in seine Abhängigkeit von Alkohol und Beruhigungsmitteln geriet. "Ich konnte nicht mehr zur Arbeit gehen, ohne Tabletten zu nehmen". Der 50-Jährige machte inzwischen einen zweimonatigen Entzug in den USA und der Schweiz.

Staatsanwältin Anne de Fontette sieht Galliano nicht als überzeugten anti-jüdischen Rassisten. Seine Sprüche seien aber der "tägliche Antisemitismus der Parkplätze und Supermärkte". De Fontette fordert deshalb mindestens 10.000 Euro Geldstrafe für den Designer, der knapp 15 Jahre lang die Mode für Dior entworfen hatte. Damit liegt De Fontenette unter der möglichen Höchststrafe von sechs Monaten Haft und 22.500 Euro.

Das Traditionshaus Dior, für das der Brite unter anderem Präsidentengattin Carla Bruni-Sarkozy einkleidete, reagierte schnell und entließ den 50-Jährigen am 1. März. Auch Hollywoodstars wie die jüdische Oscar-Preisträgerin Natalie Portman, die für Dior wirbt, distanzierten sich von dem "enfant terrible" der Modeszene.

Bei der ersten Dior-Modenschau nach dem Skandal traten am Schluss statt des Designers alle Angestellten auf, die an der Kollektion mitgearbeitet hatten. Inzwischen scheint Dior einen Nachfolger gefunden zu haben: der US-Modedesigner Marc Jacobs könnte Galliano beerben, berichtete eine US-Fachzeitschrift im August.

Doch auch Galliano findet allmählich wieder in die Modewelt zurück. Für die Hochzeit von Topmodel Kate Moss Anfang Juli entwarf er das Brautkleid. Die Arbeit an der Robe sei eine "kreative Reha-Kur" für ihn gewesen, berichtete Galliano dem US-Modemagazin "Vogue". Moss habe ihn dazu herausgefordert, "wieder John Galliano zu sein".

(AFP/awei)
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